Rubrik: Das Bild hängt schief

Ja, wo laufen sie denn hin?

In letzter Zeit greift nach meiner Beobachtung eine Sprachschlamperei verstärkt um sich. Beinahe jeden Tag kommt mir mindestens ein Beispiel der folgenden Sorte unter:

Die Touristen in Hamburg nehmen zu.
(so gehört im NDR)

Das Gastronomieangebot meiner Heimatstadt ist durchaus reichhaltig und gut, also ist es durchaus denkbar, dass die Touristen nach ihrem Aufenthalt ein bis zwei Kilo mehr auf die Waage bringen. Genau das ist die Aussage des Satzes; gemeint war aber etwas anderes.

Noch ein Beispiel?

Anstieg von Bettlern (Mopo 16-05-07) 1

Anstieg von Bettlern (Mopo 16-05-07) 2

(Hamburger Morgenpost, 07.05.2016)

Der höchste Berg in Hamburg ist 80 Meter hoch, von einem massiven Anstieg kann man da nicht gerade reden. Und was sollten die Bettler auch auf dem Süllberg?

Und weiter geht’s:

Bildschirmfoto 2016-05-31 um 10.36.36

(Tweet der ZEIT, 31.05.2016)

Wohin die Arbeitslosen wohl zurückgehen? Weiß man denn, wo sie mal hergekommen sind?

 

Ich könnte diese Liste noch beliebig lange fortsetzen. Aber Spaß beiseite – was in all diesen Fällen ansteigt, ist die Zahl: Die Zahl der Touristen in Hamburg nimmt zu; die Zahl der Bettler steigt massiv an, die Arbeitslosenzahl ging stärker zurück als erwartet.

Wer das nicht dazuschreibt, produziert schiefe Bilder.

Dass selbst Leute, die mit dem geschriebenen Wort ihr Geld verdienen, das immer öfter nicht hinbekommen, finde ich … na ja, sagen wir mal: bemerkenswert.

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Starker Tobak

Ich hab’s ja gestern schon angedeutet: Wenn ich einmal beim Thema Redewendungen bin, lässt mich das so schnell nicht wieder los. Gerade habe ich einen Screenshot wiedergefunden, den ich vor längerer Zeit gemacht habe:

 


Die Wendung »starker Tobak« bedeutet »Unverschämtheit«. Was ich bisher nicht wusste, ist, dass man auch von »starkem Tabak« reden kann; gebräuchlicher und deutlich idiomatischer ist aber in jedem Fall »Tobak«. Der Duden* führt diese Wendung auf einen alten Schwank zurück, in dem ein Jäger den Teufel an der Nase herumführt: Ersterer sieht das Gewehr des Jägers, weiß aber nicht, was es ist. Der Jäger erzählt ihm, es handele sich um eine Pfeife. Als der Teufel an dieser »Pfeife« zieht, drückt der Jäger ab. Die Schrotladung in seinem Kopf bezeichnet der Teufel daraufhin als »starken Tabak/Tobak«.

Ob man für die Wendung nun die Variante mit o oder die mit a bevorzugt – fest steht, dass es sich bei Tabak um eine feste Substanz handelt. Damit ist die Kombination mit »einschenken« im Text oben ein schiefes Bild (übrigens auch eine sehr interessante und unterhaltsame Kategorie der Sprachbetrachtung, zu der ich auch schon einiges gebloggt habe).

Der Duden sieht als Verb zum »starken Tobak« schlicht, ergreifend und ausschließlich »sein« vor: Etwas ist starker Tobak – fertig.

 

* Bd. 11: Redewendungen, Bibliograph. Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2002, S. 752

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Zahnweh, anders

Das hier fand ich am letzten Samstag in einer Hamburger Tageszeitung:

Vor ein paar Tagen habe ich ja schon über Schnäppchen und Schnippchen geschrieben und damit das weite Feld der Redewendungen betreten – für mich immer noch eins der faszinierenden Gebiete der Sprachwissenschaft. In meinem Anglistik-Studium habe ich mich einige Zeit mit englischen Sprichwörtern und Redewendungen beschäftigt; es gab tatsächlich einen Professor, dessen Fachgebiet das war.

Was Redewendungen auszeichnet, ist, dass sie weitgehend feststehen; man kann nicht einfach ein anderes Verb nehmen (Schnippchen etwa kann man nur schlagen, sonst gar nichts) oder ein Substantiv in den Plural setzen. Häufig ist es außerdem ja auch so, dass die Kombination der Wörter bei Betrachtung ohne die »idiomatische Brille« ziemlicher Unfug ist und nur mit der übertragenen Bedeutung – wenn man sie denn kennt – einen Sinn ergibt.

Ein solcher Fall ist »jemandem auf den Zahn fühlen«. Deutschen Muttersprachlern ist die Wendung bekannt: Sie bedeutet, dass man jemanden genau befragt, um etwas Bestimmtes herauszubekommen; oft, weil man vermutet, dass eine Aussage dieser Person nicht ganz ehrlich oder vollständig war. Das hat mit Zähnen gar nichts zu tun, wie sollte das auch gehen? Man kann ja nicht »auf etwas fühlen«. Aber in dieser – und nur in dieser – Kombination erschließt sich ein eigener, anderer Sinn.

Das heißt in diesem Fall: Man fühlt grundsätzlich auf den Zahn, auch dann, wenn man mehrere Leute ins Kreuzverhör nimmt.

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Den Eiern auf der Spur

Dass Käfig-Eier kriminell sind, haben wir ja irgendwie schon immer geahnt. Heute wird in der Presse in »Aktenzeichen xy«-Manier die Frage aufgeworfen, ob auch die anderen irgendwelche Schuld auf sich geladen haben:

Ob neben Eiern aus Käfighaltung auch Freiland-, Boden- oder Bio-Eier in den Dioxin-Fall verwickelt sind, ist unklar.

(gefunden in der Hamburger Morgenpost, 04.01.2011)

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Gastkommentar: Mit heißer Nadel gestrickt

Zum heutigen Sportteil der Hamburger Morgenpost (Mopo) folgt nun eine sprachliche Analyse von Ingo T. aus H. Der Gastkommentator ist vom Fach, sowohl sprachlich als auch hinsichtlich des runden Leders.

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Die Mopo rationalisiert die deutsche Sprache und macht aus zwei Fügungen eine:

»Charles Takyi ist keine Option dar.«

Die Mopo meidet simplifizierende Begriffe, zum Beispiel das Wort »Ball«. Außerdem hält doppelt immer besser:

»Zumindest der Einsatz stimmte: Schalkes Sergio Escuderos (…) kämpft voller Elan um den Elan.«

Deutlich subtiler zeigt sich diese Taktik hier:

»Engagement und Einsatzwillen konnte man den Norddeutschen zwar nicht absprechen …«
(aber vielleicht Esprit und Spielwitz. Oder Blacky und Fuchsberger. Oder Schokoweihnachtsmann und Jahresendzeitschokoladenhohlkörper.)

Die Mopo überlässt es dem Leser, die Situation zu bewerten: Wollte Kalle die Situation entschärfen? Oder entscheiden? Oder gar jemanden schächten?

»Am Nachmittag versuchte Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge die Situation zu entschäften.«


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Nehmen Sie bunt!

Manchmal ist es nur eine vage Idee, dass eine Formulierung nicht richtig sitzt. Irgendwas stört, man kann aber auf Anhieb nicht sagen, wie es richtig heißen müsste. Das kennen natürlich nicht nur Lektoren, aber unsereinem ist dieses Gefühl vermutlich vertrauter als anderen. 😉 Und so stolperte ich neulich beim Lektorieren über ein »vielschichtiges Kaleidoskop von Fähigkeiten«. Als sprachliches Bild dafür, dass in einem Beratungsunternehmen die Kompetenzen immer neu nach den jeweiligen Kundenanforderungen zusammengestellt werden, fand ich das sehr schön. Aber das Adjektiv »vielschichtig« wirkte merkwürdig fehl am Platz.

In solchen Fällen gehört zum Lektorieren dann auch mal eine Recherche-Einheit. In diesem Fall zur Frage: Wie genau funktioniert eigentlich ein Kaleidoskop? Es zeigte sich: Die Bilder entstehen durch bunte Glasstückchen, die zwischen zwei Glasplatten liegen. In der Röhre sind Spiegelstreifen angebracht, die die bekannten symmetrischen Bilder erzeugen. Manchmal schwimmen die Glasobjekte auch in Öl; Schichten gibt es aber nicht.

Man könnte also von einem »bunten Kaleidoskop« sprechen, vielleicht auch von einem »variantenreichen Kaleidoskop«. Das Adjektiv »vielschichtig« passt hier aber nicht.

(Ergänzung: In diesem Fall benötigte der Kunde aus bestimmten Gründen ein Adjektiv. Im Grunde genommen reicht aber der Begriff »Kaleidoskop« allein schon aus, um die gewünschte Aussage zu machen.)

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Man nehme …

»Natürlich erfinden wir das Rad nicht neu«, sagt Thomas Collien in diesem taz-Artikel vom 29.01.2009. »Wir mischen die Zutaten lediglich nur besser ab.«

Aaaaah ja. Und dann? Backen wir uns ein neues Rad, oder wie?

(Vielen Dank an Silke M. für den Hinweis!)

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Dunkler Nebel

Heute in der Zeitung zu den Ermittlungen im Fall Mannichl:

Seit Wochen stochern die Ermittler im Dunkeln, kommen nicht voran …
(Hamburger Morgenpost, 14.01.2009) 

Mooooment! Stochern sie im Nebel? Oder tappen sie im Dunkeln? Feine Bedeutungsunterschiede gibt es ja zwischen diesen beiden Redewendungen. Auch wenn es mit einiger Sicherheit nicht so hintersinnig beabsichtigt war, ließe sich mit etwas Fantasie interpretieren, dass halt beides stimmt und man deshalb auch gleich beide Wendungen zu einer verquickt hat.

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Ich glaub, ich steh im Wald hier …

(Gefunden bei immobilienscout.de)

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Aus dem Weg!

Von einer Webseite:

… Gespräche, um Stolpersteine zu umschiffen, Ziele und Maßnahmen zu definieren, …

Dies ist ein klassisches Beispiel für ein schiefes Bild, also eine Redewendung, die unglücklich kombiniert oder mit einer anderen vermengt worden ist. Stolpersteine liegen auf dem Weg, wenn man Pech hat. Wenn man aber, bildlich gesprochen, mit dem Schiff unterwegs ist – in ruhigen Gewässern, bei aufgewühlter See oder gar in stürmischen Zeiten –, können einem Stolpersteine gar nichts anhaben. Da muss man schon ausgewachsene Klippen oder gar Eisberge bemühen, wenn es darum geht, in dieser Metapher ein Hindernis bzw. eine Gefahr auszudrücken. 

Stolpersteine dagegen kann man »aus dem Weg räumen« oder »umgehen«, aber ganz sicher nicht umschiffen.

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