Rubrik: Wussten Sie schon, …?

»Zwei Minuten für die Sprache« (4/2021): Kopplungen

Heute geht es mal wieder um Bindestriche. Viele betrachten sie ausschließlich als lästig, tatsächlich aber tragen sie wesentlich dazu bei, dass geschriebene Texte eindeutig sind. Kürzlich habe ich ein schönes neues Beispiel gefunden: Da wurde der »illegale Welpenkalender« (sic!) angepriesen, der wohl den illegalen Handel mit Hundewelpen thematisierte und damit Geld für entsprechende Gegenmaßnahmen einspielen sollte.

Inhaltlich eine gute Idee, sprachlich weniger. Als Adjektiv, also kleingeschrieben und ungekoppelt, bezieht sich »illegal« auf das folgende Hauptwort. Im Fall von »illegaler Welpenhandel« ist das korrekt: Der Handel ist illegal.

Bei »illegaler Welpenkalender« greift dasselbe Muster: Sprachlich bezieht sich das Adjektiv auf den Kalender, das ist aber inhaltlich falsch. Illegal sind die Welpen (genauer: deren Herkunft, aber diese Unschärfe lassen wir hier mal außen vor). Die Bedeutungseinheit »illegale Welpen« ist das Thema des Kalenders. Um das zu verdeutlichen, verbindet man alle drei Bestandteile der neuen Gesamtbedeutung: »Illegale-Welpen-Kalender«. Weil der Begriff als Ganzes ein Hauptwort ist, schreibt man hier dann auch das i am Anfang groß.

Überall da, wo ein zwei- oder mehrteiliger Begriff mit einem weiteren deutschen Wort zusammen zu einer neuen Gesamtbedeutung führt, verbindet man alle Bestandteile (auch vorher korrekt getrennt geschriebene) mit Strichen zu einer Einheit:

Max Planck, aber: Max-Planck-Institut
erneuerbare Energien, aber: Erneuerbare-Energien-Gesetz
Social Media, aber: Social-Media-Beratung

Institute und sogar Universitäten, die nach Personen benannt sind, lassen den ersten Bindestrich sehr oft weg, was orthografisch falsch ist. Solange es nicht deren eigene Texte sind, würde ich solche Schreibungen deshalb auch nicht grundsätzlich unkorrigiert lassen.

 

Dies ist die April-Ausgabe 2021 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache« (3/2021): Da war gar nichts!

Gerade las ich mal wieder so einen Satz, der mir seltsam vorkam, ohne dass ich auf Anhieb genau hätte benennen können, woran das lag:

Trotz der Unterbrechung der Lieferketten ist es in Firma X
bisher zu keinen Produktionsausfällen gekommen.

Diese Formulierung ist mindestens unpräzise. Wenn es heißt »Es kommt zu …«, dann muss in der Folge auch etwas genannt sein, wozu es gekommen ist. Und mit »etwas« meine ich etwas. Aber sind »keine Produktionsausfälle« etwas? Die Information ist doch, dass es eben gerade nicht zu etwas (nämlich den Produktionsausfällen) gekommen ist. Und das kann man auch genau so schreiben, es wird nicht mal länger oder komplizierter:

Trotz der Unterbrechung der Lieferketten ist es in Firma X
bisher nicht zu Produktionsausfällen gekommen.

Generell ist es in der Unternehmenskommunikation aber sinnvoll, positiv zu formulieren. Das gilt umso mehr, wenn etwas, was durchaus zu befürchten war, gar nicht eingetreten ist. Wörter wie »nicht« oder »keine« (hier auch »Produktionsausfälle«) können dazu führen, dass man eine Aussage zumindest auf Anhieb als negativ liest, obwohl die Nachricht eigentlich erfreulich ist. Warum also nicht gleich positiv formulieren? Das geht hier zum Beispiel so:

Trotz der Unterbrechung der Lieferketten ist die Produktion
in Firma X wie geplant weitergelaufen.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (2/2021): Dunkelziffer

In den letzten Monaten ist sie in den Medien allgegenwärtig: die Dunkelziffer. Und mehr denn je fällt mir auf, wie unpräzise und teilweise falsch dieser Begriff benutzt wird.

Schauen wir uns zunächst mal die Definition im Duden an: Die Dunkelziffer ist die »offiziell nicht bekannt gewordene Anzahl von bestimmten [sich negativ auswirkenden] Vorkommnissen, Erscheinungen«. Es gibt also eine bekannte/belegte Anzahl X, und man vermutet, dass es weitere Fälle gibt, die man aber nicht beziffern kann. Nur dieser unbekannte Anteil Y ist die Dunkelziffer (auch Dunkelfeld genannt, aus meiner Sicht viel anschaulicher).

Zusammengefasst bedeutet das:

Die tatsächliche Zahl (Z) ist die Summe
aus bekannter Menge (X) und Dunkelziffer (Y).
→ Z = X + Y

Eigentlich eine klare Sache, oder? Was in den Medien aber permanent zu lesen und zu hören ist, geht ungefähr so:

1.000 Fälle sind bekannt, die Dunkelziffer ist aber vermutlich höher.

Gemeint ist damit: Es sind vermutlich mehr als 1.000 Fälle. Und ja, so verstehen wir es in der Regel auch.

Gesagt ist aber etwas wesentlich Konkreteres: In dieser Formulierung steckt die Aussage, dass es insgesamt wohl mehr als 2.000 Fälle gibt. Denn die Dunkelziffer ist ja nur der Anteil, der nicht bekannt ist (Y). Wäre der höher als der bekannte (X), läge Y in unserem Beispiel über 1.000, was in der Summe mit dem bekannten Anteil X mehr als 2.000 ergäbe.

Nun ist eine so hohe Dunkelziffer nicht auszuschließen, aber wohl auch nicht die Regel. Man weiß es eben nicht. Sinnvoll wäre es deshalb zum Beispiel so:

1.000 Fälle sind bekannt, vermutlich gibt es aber eine (hohe) Dunkelziffer.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (1/2021): Worum geht’s?

Oft beginnen Artikel oder Blogbeiträge mit einem Überblick. Meist ist das eine Aufzählung von Stichworten oder Themen, und da steckt der Teufel im Detail. Zwei Beispiele:

In diesem Artikel geht es um rote Kissen, gelbe Vorhänge und wie sich Wohnfarben auf Ihre Stimmung auswirken.

In diesem Text dreht sich alles um unseren Schreibstil und wie wir ihn verbessern können.

Könnten Sie den Fehler auf Anhieb benennen und korrigieren? Wenn man einmal durchschaut hat, wo es hakt, ist die Korrektur schnell erledigt.

Ist eine Aufzählung in einen Satz integriert, kommt es darauf an, dass jedes einzelne Element sich korrekt in den übergeordneten Satz einfügt. Im ersten Beispiel lautet die Einbettung »In diesem Artikel geht es um …«. Schauen wir mal, ob alles dazu passt:

Es geht um rote Kissen. → passt
Es geht um gelbe Vorhänge. → passt
Es geht um wie sich Wohnfarben (…) auswirken. → passt nicht

Ganz ähnlich ist es beim zweiten Beispiel. Die Einbettung »In diesem Text dreht sich alles um …« lässt sich problemlos mit »… unseren Schreibstil« vervollständigen. »In diesem Text dreht sich alles um wie wir ihn verbessern können« ist aber wiederum falsches Deutsch.

Bezeichnungen in Form einzelner Wörter (Kissen, Vorhänge, Schreibstil) funktionieren im Satzzusammenhang anders als Beschreibungen von Vorgängen. Mit dem Wörtchen »darum« und einem Komma fügen sie sich grammatisch sauber in den Satz ein:

In diesem Artikel geht es um rote Kissen, (um) gelbe Vorhänge und darum,
wie sich Wohnfarben auf Ihre Stimmung auswirken.

In diesem Text dreht sich alles um unseren Schreibstil und darum,
wie wir ihn verbessern können.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (12/2020): Kenntnisse

Weil mich kürzlich jemand fragte, ob man eigentlich jemanden von etwas oder über etwas in Kenntnis setzt, habe ich mal ein bisschen gestöbert. Auf Anhieb konnte ich das nämlich auch nicht mit Sicherheit beantworten.

In den Beispielen, die der Duden aufführt, ist zu lesen: »jemanden von etwas in Kenntnis setzen (jemanden über etwas unterrichten)«. Im Kopf vermischt man diese beiden Wendungen, und schon ist man nicht mehr sicher, was denn nun richtig ist. Wir halten fest: Man setzt jemanden von etwas in Kenntnis.

Interessant fand ich bei der Gelegenheit, mir noch mal bewusst zu machen, wann jemand (1) »Kenntnisse in etwas« hat, wann es (2) »Kenntnisse über etwas« heißen muss und wann (3) »Kenntnis von etwas«.

In den ersten beiden Fällen sind es in aller Regel »Kenntnisse«, also Mehrzahl, und gemeint ist damit Wissen, das jemand über längere Zeit erworben hat. Bezieht sich die Aussage auf ein Fachgebiet, etwa Physik oder Medizin, nimmt man dazu in der Regel die Präposition »in«. Geht es darum, dass jemand mit vielen Fakten aus einem bestimmten Bereich (bspw. Autos oder Bestseller) glänzen kann, gesellt sich zu den Kenntnissen eher ein »über«.

Und dann gibt es noch Fall (3): Die Einzahl, also »Kenntnis«, zusammen mit der Präposition »von« bezieht sich auf eine Information an sich. »Der Minister hat Kenntnis von diesem Vorfall« bedeutet: Der Minister weiß, dass es diesen Vorfall gegeben hat. Nicht mehr und nicht weniger.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (11/2020): jemand anders

Gibt es eine Regel dafür, wie man im Satzzusammenhang mit »jemand anders« umgeht? Beugt man »jemand« oder »anders«, beide Wörter oder keines? Dieser Frage einer Blogleserin widme ich mich heute.

Zuerst die einfachste Antwort: Wer »jemand anders« in Stein meißelt und völlig ungeachtet der umgebenden Grammatik unverändert lässt, hat den Segen des Duden. Die folgenden Beispielsätze sind alle korrekt:

Er sieht aus wie jemand anders.
Das Buch habe ich von jemand anders bekommen.
Schickst du das bitte an jemand anders?

Wenn Sie also zu denen gehören, die beim Schreiben möglichst wenig grübeln möchten, wählen Sie einfach immer »jemand anders«, und Sie machen nichts verkehrt.

Nun ist die einfachste Antwort aber nicht immer die schönste. Und dass etwas sprachlich korrekt ist, heißt noch nicht, dass es auch gut klingt. Für mich jedenfalls hören sich das zweite und das dritte Beispiel oben nicht rund an. Im Nominativ (Beispielsatz 1) finde ich »anders« noch in Ordnung. Im Dativ (2) und Akkusativ (3) klingt es für mich in gebeugter Form harmonischer:

Das Buch habe ich von jemand anderem bekommen.
Schickst du das bitte an jemand anderen?

Diese Varianten gehen auf die maskuline Grundform »jemand anderer« zurück. Ob Sie lieber die männliche Form beugen oder »jemand anders« unangetastet lassen, steht Ihnen frei; der Duden vermeldet nur, dass »jemand anders« heute gebräuchlicher ist, und ordnet die männliche Form mit Beugung dem süddeutschen Sprachraum zu. Vor allem Letzteres erstaunt mich als waschechte Hamburgerin dann doch.

Einen Fehler machen Sie nur, wenn Sie in dieser Kombination »jemand« beugen (also »jemandem/jemanden anders« schreiben).

_____

Ergänzung: Mit der Beugung von »jemand« und »niemand« habe ich mich in diesem älteren Newsletter schon einmal beschäftigt.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (10/2020): auch(,) wenn

Heute beantworte ich wieder eine Frage aus dem Kreis der fleißigen Leserinnen und Leser der »Zwei Minuten«: Wenn in einem Satz die Wortfolge »auch wenn« vorkommt, setzt man dann ein Komma dazwischen oder nicht?

Meistens ist »auch wenn« als Ganzes eine Konjunktion, die einen Nebensatz einleitet. Dann gibt es natürlich ein Komma, aber nicht zwischen, sondern vor »auch wenn«.

Wir halten durch, auch wenn wir nicht wissen, wie lange es dauert.

Der Nebensatz kann auch am Anfang stehen, dann ist das Komma, das ihn vom Hauptsatz abtrennt, eben weiter von »auch wenn« entfernt:

Auch wenn es mir schwerfällt, verzichte ich auf den Besuch.

Das ist nicht anders als bei einem Nebensatz, der nur mit »wenn« beginnt. So weit, so klar.

Es gibt aber auch Fälle, in denen ein Komma zwischen »auch« und »wenn« gehört: dann nämlich, wenn auf »auch« eine besondere Betonung liegen soll. Dann ist die grammatische Lage eine andere, denn so gehört »auch« zum Hauptsatz, und der Nebensatz beginnt erst mit dem »wenn«.

Kommaregeln gelten auch, wenn sie einem nicht gefallen.

Wenn Sie wegen der Betonung nicht sicher sind, prüfen Sie, ob Sie ein »dann« ergänzen könnten (… auch dann, wenn …). Wenn das möglich ist, ohne den Sinn der Aussage zu verändern, ist das »auch« betont. Die unbetonte Variante »auch wenn« kommt dagegen einem »obwohl« recht nah.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (9/2020): Zu- und Abnahmen

Ich habe lange überlegt, ob ich im Newsletter etwas ansprechen soll, was mir an der Berichterstattung über die Corona-Pandemie auffällt. Die ersten Monate habe ich es gelassen, weil ich das Thema, mit dem wir alle genug zu tun haben, nicht auch noch in die »Zwei Minuten« tragen wollte. Inzwischen aber kann ich kaum anders, denn das Phänomen taucht wirklich flächendeckend auf. Es geht um Sätze folgender Art:

Die Neuinfektionen sind in der letzten Woche deutlich gestiegen.
Die Fluggäste gehen wieder zurück.
Die Touristen an Nord- und Ostsee nehmen zu.

So oder so ähnlich ist es fast jeden Tag in den Medien zu hören und zu lesen. Dass die gute Seeluft hungrig macht, weiß ich aus eigener Erfahrung; dass man bei einem Urlaub dort ein bisschen Speck ansetzt, ist wahr. Aber warum interessiert es eine Nachrichtensendung oder eine Zeitung, dass die Touristen dicker werden? Wohin gehen die Fluggäste zurück? Und warum sind manche Neuinfektionen höher als andere?

Diese Formulierungen sagen genau das aus. Damit gehen sie aber am Kern vorbei: Was tatsächlich steigt, zunimmt oder zurückgeht, ist die jeweilige Zahl: die Zahl der Infektionen ist gestiegen, die Zahl der Fluggäste geht zurück, die Zahl der Touristen nimmt zu.

Natürlich können Sie jetzt sagen: »Aber es ist doch klar, was gemeint ist!« Ja, ist es. Aber ist das ein Grund, ungenau zu formulieren; noch dazu, wenn man mit dem Formulieren sein Geld verdient? Ich finde nicht. Gerade in Nachrichten und anderen Informationstexten kommt es darauf an, präzise zu sein. Dann machen Sie einfach eine bessere Figur.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (8/2020): Apposition

Lesen Sie mal den folgenden Satz und überlegen Sie, ob er für Sie richtig klingt:

Zurzeit ist Fritz Muster Chef der Agentur XY,
einem Unternehmen der YZ AG.

Den Teil, der nach dem Komma folgt, nennt man Apposition (Beisatz). Ein solcher Beisatz erläutert etwas näher, was vorher genannt wurde. Entsprechend gehört diese inhaltliche Ergänzung dann auch in den grammatischen Rahmen, den das Bezugswort vorgibt: Steht es im Genitiv, gilt das auch für die Apposition; steht das Bezugswort zum Beispiel im Akkusativ, antwortet auch die Apposition auf die Frage »wen oder was?«. Richtig ist also:

Zurzeit ist Fritz Muster Chef (wessen? → Genitiv) der Agentur XY,
(→ auch Genitiv) eines Unternehmens der YZ AG.

Viele Menschen setzen Appositionen aber grundsätzlich und ohne grammatische Detailbetrachtung in den Dativ (Frage: wem?). Dieser Fehler ist auch unter Schreib-Profis so verbreitet, dass man vermuten könnte, die Apposition mit Dativ würde irgendwo als eiserne Grundregel gelehrt. Für viele Menschen klingt sie so vertraut, dass sie keinen Fehler wahrnehmen.

Wenn Sie unsicher sind, prüfen Sie, ob der Satz grammatisch auch ohne das Bezugswort funktionieren würde (hier: »Zurzeit ist Fritz Muster Chef eines Unternehmens der YZ AG.«). Eine Apposition im Dativ ist nur dann richtig, wenn auch das Bezugswort im Dativ steht. Zum Beispiel:

Wir sind heute zum Interview verabredet mit (wem? → Dativ) Fritz Muster,
(→ auch Dativ) dem Chef der Agentur XY.

Machen Sie sich immer klar, auf welche Frage das Bezugswort antwortet. Dann wissen Sie auch, wie der Beisatz lauten muss.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (7/2020): wundern

»Es verwundert nicht, dass …«: Diese Formulierung kommt mir beim Lektorieren ziemlich oft unter. In ihr sind zwei Formen gemischt, die zwar inhaltlich ähnlich sind, grammatisch aber gar nicht so viel miteinander zu tun haben. Schauen wir mal genauer hin.

Da wäre zunächst das Verb »wundern«. Es bezieht sich immer auf eine Person: Jemand kann sich wundern, zum Beispiel über eine andere Person oder über einen Sachverhalt. Genauso kann auch etwas jemanden (Akkusativ) wundern. Entsprechende Aussagen können zum Beispiel so lauten:

Ich wundere mich, dass es noch immer keine Neuigkeiten gibt.
Es wundert mich, dass du noch nicht losgegangen bist.

Möglich ist auch »verwundern«, ebenfalls mit persönlichem Bezug (»Es verwundert mich nicht, dass es nicht funktioniert.«; »Ich habe mich sehr über dein Verhalten verwundert.«). Allerdings klingt diese Variante gestelzt und auch etwas antiquiert. Da die Vorsilbe »ver-« außerdem keinen inhaltlichen Mehrwert zu »wundern« bietet, können Sie sie auch gleich weglassen.

Ist die Aussage allgemeiner, hat sie also keinen Bezug zu einer bestimmten Person, wird aus dem Verb »wundern« das Adjektiv »verwunderlich«. Ein Adjektiv beschreibt keine Tätigkeit, sondern einen Zustand:

Es ist nicht verwunderlich, dass ich so müde bin.

Die Formulierung im ersten Absatz (»Es verwundert nicht, dass …«) ist eine Mischform aus diesen Varianten, und die ist falsch.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der Duden unter dem Stichwort »verwundern« noch das Beispiel »Es ist nicht zu verwundern« anführt. Dieser Gebrauch ist mir noch nie begegnet; ich vermute, dass es sich um eine veraltete Wendung handelt.

 

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