Rubrik: Wussten Sie schon, …?

»Zwei Minuten für die Sprache« (9/2019): gegenseitig/beiderseitig

Heißt es eigentlich »in beiderseitigem Einvernehmen« oder »in gegenseitigem Einvernehmen«? Auch wenn diese zwei Varianten auf den ersten Blick austauschbar erscheinen: Entscheidend ist, worauf im Einzelfall die Betonung liegt.

Das Adjektiv »beiderseitig« drückt aus, dass zwei Parteien oder Personen eine Sache betrachten und auf die gleiche Weise bewerten. Im Fall eines beiderseitigen Einverständnisses bedeutet das, dass diese zwei Parteien oder Personen zum Beispiel mit einer Lösung einverstanden sind.

Die Vereinbarung wurde in/mit beiderseitigem Einverständnis aufgehoben.

Anders ist es beim gegenseitigen Einvernehmen. Hier ist die Blickrichtung nicht parallel (auf die Sache), sondern aufeinander gerichtet: Der Fokus liegt auf dem Verhältnis zwischen den Handelnden; also darauf, was der jeweils andere tut oder sagt. Nehmen wir als Beispiel die Abwicklung von Bestellungen:

In gegenseitigem Einverständnis kümmert sich A um den Versand
und B um die Buchhaltung.

Und wenn Sie jetzt denken, dass man das doch eigentlich gar nicht verwechseln kann, dann achten Sie mal drauf: Immer wieder mal heißt es »beiderseitig«, wenn eigentlich »gegenseitig« richtig wäre.

 

Dies ist die September-Ausgabe 2019 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache« (8/2019): mutmaßlich vs. vermeintlich (II)

Vor fast drei Jahren schrieb ich an dieser Stelle mal über den Unterschied zwischen »mutmaßlich« und »vermeintlich«. In der Zwischenzeit ist mir häufig aufgefallen, dass diese beiden Adjektive nicht nur verwechselt, sondern auch auf ganz andere Art falsch gebraucht werden.

In einem Medienbericht las ich zum Beispiel kürzlich Folgendes:

Bei einem Unfall nach einem mutmaßlich illegalen Autorennen
wurden zwei Personen verletzt.

Der Teufel steckt wie so oft im Detail: In dieser Formulierung bezieht sich »mutmaßlich« nicht auf das Autorennen, sondern auf das Adjektiv »illegal«. Es gibt also auch legale Autorennen auf öffentlichen Straßen; nur von dieser speziellen Raserei vermutet man, sie sei nicht erlaubt gewesen? Das ist natürlich Unsinn. Tatsächlich vermutete die Polizei, dass ein Autorennen zu dem Unfall geführt habe. Um diesen Bezug auszudrücken, hätte es aber »bei einem mutmaßlichen illegalen Autorennen« heißen müssen. Das zweite Adjektiv (»illegalen«, völlig korrekt gebeugt) versperrt offenbar die Sicht darauf, was korrekte Grammatik ist.

Ein ähnliches sprachliches Durcheinander gab es vor einigen Monaten im Zusammenhang mit dem Regierungsskandal in Österreich: Da war von einer »vermeintlich reichen Russin« ebenso die Rede wie von einer »vermeintlichen reichen Russin«. In der ersten Variante ist die Frau auf jeden Fall Russin, aber gar nicht wirklich reich, die zweite Variante markiert das Gesamtkonstrukt »reiche Russin« als Schall und Rauch.

Sie sehen: Manchmal ist jeder Buchstabe entscheidend, um eine klare Aussage zu treffen.

 

Dies ist die August-Ausgabe 2019 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache« (7/2019): Vertrauen ist gut …

Unternehmen tun viel dafür, dass Kunden ihnen und ihren Marken Vertrauen schenken, und zu diesem Tun gehört auch die Unternehmenskommunikation. Interessanterweise gibt es genau da eine Hürde mit dem Vertrauen: Sie ist zwar rein sprachlicher Natur, führt aber dazu, dass man etwas völlig anderes aussagt als beabsichtigt.

Es geht um das Adjektiv »vertrauensvoll«. Schlägt man dieses Wort im Duden nach, finden sich die Bedeutungen »a) volles Vertrauen aufweisend« und »b) in gegenseitigem Vertrauen stattfindend«. Die dazugehörigen Beispiele zeigen, dass diese beiden Bedeutungen inhaltlich sehr nah beieinanderliegen: So kann a) eine Beziehung vertrauensvoll sein oder b) eine Zusammenarbeit. Man kann auch vertrauensvoll etwas tun: zum Beispiel eine schwierige Aufgabe anpacken oder ein Geheimnis offenbaren. Die handelnde Person vertraut darauf, dass die Aufgabe gelingt oder das Geheimnis in guten Händen ist.

So weit, so klar.

Nun lese ich aber sehr oft Konstruktionen wie »Wir sind Ihr vertrauensvoller Partner«. Die beabsichtigte Botschaft ist: »Uns können Sie vertrauen.« Sprachlich betrachtet sagt der Satz aber »Wir vertrauen Ihnen«, also genau das Gegenteil. Richtig ist in diesem Fall »vertrauenswürdig«, wahlweise auch »seriös«, »verlässlich« oder Ähnliches.

Auch eine »vertrauensvolle Zukunft« ist mir in Broschüren und auf Websites schon versprochen worden. Mir reicht es vollkommen, dass ich selbst vertrauensvoll in die Zukunft blicke. Wenn mir ein Produkt oder eine Dienstleistung das erleichtert: fein. Die Zukunft selbst kann aber nicht vertrauen.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (6/2019): statt und anstatt

Es gibt Grammatikfragen, die viele sprachbewanderte Menschen aus dem Stand und sehr bestimmt beantworten. Aber nicht immer ist die Antwort so eindeutig, wie man meinen könnte. So ein Fall ist die Verwendung von »statt« bzw. »anstatt«: Dass man diese Wörter mit einem Genitiv kombiniert, halten viele für ein eisernes Gesetz. Ganz so einfach ist es aber nicht.

Richtig ist: Wenn »statt« oder »anstatt« als Präposition gebraucht wird, steht es mit dem Genitiv.

Statt eines kleinen Meetings gab es heute eine große Betriebsfeier.
Wir haben statt des kleinen Konferenzraums den Festsaal gebucht.

Die erste Ausnahme ergibt sich in Fällen, in denen der Genitiv gar nicht zu erkennen ist. Das kommt vor, wenn der Genitiv Plural mit dem Nominativ oder Akkusativ Plural des betreffenden Worts identisch ist. Dann kommt der Dativ zum Zug:

Statt Heißgetränken gab es zur Feier des Tages Sekt.

Die zweite Ausnahme gibt es, wenn »(an)statt« nicht als Präposition gebraucht wird, sondern wie eine Konjunktion. Das erkennen Sie daran, dass es sich durch »und nicht« ersetzen lässt. Dann ist der Kasus richtig, den Sie auch wählen würden, wenn im fraglichen Satz nicht »(an)statt« stünde, sondern »und nicht«:

Wir haben den Festsaal gebucht statt den kleinen Konferenzraum.
(Akkusativ; analog zu: … und nicht den kleinen Konferenzraum.)

Die Chefin gab das Mikrofon ihrer Sekretärin statt dem Abteilungsleiter.
(Dativ; analog zu: … und nicht dem Abteilungsleiter.)

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (5/2019): Weise und -weise

Interessanterweise habe ich mich an dieser Stelle noch nie mit der richtigen Schreibung von »interessanterweise« und diversen anderen Begriffen dieser Art befasst. Die gängigsten, etwa »normalerweise« oder »üblicherweise«, werden zwar meist richtig geschrieben: zusammen. Ziemlich oft lese ich aber zum Beispiel, dass jemand eine Sache »freundlicher Weise« erledigt hat oder dass etwas »seltsamer Weise« anders ist als gedacht.

Diese beiden zuletzt genannten Schreibungen sind falsch. In Kombination mit Adjektiven wird »Weise« nur dann als eigenes Wort und großgeschrieben, wenn vor dem Adjektiv noch ein »in« steht: in seltsamer Weise, in kluger Weise. In dieser Kombination ist »Weise« nämlich tatsächlich ein Substantiv, das durch ein Adjektiv (hier »seltsam« bzw. »klug«) beschrieben wird.

In den anderen Fällen ist »weise« kein Substantiv, sondern gehört zum Anhängsel (Suffix) »-erweise«, das zusammen mit dem Adjektiv ein Adverb bildet. Ein Adverb beschreibt eine Tätigkeit genauer und wird immer kleingeschrieben. Beispiele: seltsamerweise, realistischerweise, klugerweise.

In dem einen Fall beschreibt man also die Art und Weise näher, in der etwas geschieht; im anderen bewertet man einen Sachverhalt aus einer übergeordneten Perspektive. Wenn sich jemand in freundlicher Weise an mich wendet, dann kommt er zum Beispiel mit einem Lächeln auf mich zu. Sage ich aber, dass eine Person sich freundlicherweise um eine Angelegenheit gekümmert hat, bewerte ich die Handlung bzw. deren Ergebnis: Ich bin froh, dass die Sache erledigt ist. Ob die Person dabei gelächelt hat oder nicht, spielt keine Rolle.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (4/2019): »aufeinander« und Verb

Mit dem Adverb »aufeinander« lassen sich viele Verben kombinieren, zum Beispiel treffen, zugehen, beziehen, aufpassen, folgen, aufbauen, eingehen, achten, legen oder prallen. Nun könnte man denken, dass solche Kombinationen auch immer auf die gleiche Art geschrieben werden, schließlich sind sie immer Zusammensetzungen von Adverb und Verb.

So einfach macht es uns die deutsche Rechtschreibung nicht. Trotzdem kann ich Sie beruhigen: Die Entscheidung, ob Sie zusammen- oder getrennt schreiben, ist ganz einfach. Sie müssen sich nur fragen, wie die entsprechende Wortfolge betont wird.

Liegt die Betonung auf dem Adverb, also »aufeinander«, verschmilzt es mit dem Verb zu einem Wort:

Morgen werden die beiden erneut aufeinandertreffen.
In der Diskussion sind sehr gegensätzliche Meinungen aufeinandergeprallt.

Wird dagegen das Verb stärker betont, schreibt man auseinander:

Die Gesprächspartner sollten mehr aufeinander eingehen/zugehen.
Hier sind zwei Zeitungsartikel, die sich aufeinander beziehen.

Manchmal sind auch beide Betonungsvarianten möglich, etwa bei der Kombination aus »aufeinander« und »folgen«. In solchen Fällen sind grundsätzlich auch beide Schreibvarianten richtig. Sie entscheiden einfach danach, wie Sie im jeweiligen Fall eher betonen würden.

Es hat an drei aufeinanderfolgenden Tagen geregnet.
oder:
Es hat an drei aufeinander folgenden Tagen geregnet.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (3/2019): doppelte Verneinung

Doppelte Verneinungen gehören eigentlich in die Umgangssprache bzw. in den Dialekt. In der Standardsprache sind sie selten, aber es gibt sie. Klassische Beispiele sind Konstruktionen aus Haupt- und Nebensatz, die mit »ehe«, »bevor« oder »bis« verbunden sind. Ganz allgemein beschreiben sie zwei Sachverhalte, die zeitlich voneinander abhängen.

Ich schreibe noch schnell diese Mail, ehe ich Feierabend mache.
Er bespricht sich mit der Presseabteilung, bevor er das Interview gibt.

Die doppelte Verneinung kommt ins Spiel, wenn zusätzlich zum zeitlichen Zusammenhang ausgedrückt wird, dass der eine Sachverhalt die Bedingung für den anderen ist. In diesen Fällen kann der Nebensatz zusätzlich verneint werden, notwendig ist es aber nicht.

Sie ist nicht beruhigt, ehe sie [nicht] die Bestätigung hat.
Er kann keine Zusage machen, bis er [nicht] sicher ist.

Ich empfehle Ihnen, in solchen Fällen das »nicht« im Nebensatz wegzulassen. Inhaltlich ergibt es ohnehin keinen Sinn, und je weniger Verrenkungen Sie in einem Text machen, desto klarer lässt er sich lesen.

Einen Sonderfall gibt es allerdings doch: Wenn der Nebensatz (anders als in den obigen Beispielen) vor dem Hauptsatz steht, ist die zusätzliche Verneinung laut Duden »zu empfehlen«:

Ehe der Vertrag nicht unterschrieben ist, soll man nicht über den Inhalt sprechen.

Vermutlich hat die Duden-Empfehlung damit zu tun, dass ohne das erste »nicht« zu lange unklar bleibt, worauf der Satz hinauswill. Das birgt die Gefahr, beim Lesen zu stolpern und den Satz ein zweites Mal lesen zu müssen. Und das ist nie gut.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (2/2019): vorenthalten oder vorbehalten?

Vor einiger Zeit zeigte mir Twitter sehr häufig einen gesponserten Tweet an, in dem es ungefähr hieß:

Lange war es nur Data Scientists vorenthalten, künstliche Intelligenz zu nutzen.

Bis dahin war mir noch nicht aufgefallen, dass »vorenthalten« und »vorbehalten« besonders häufig verwechselt werden. Meine Recherche ergab aber, dass gar nicht wenige Menschen damit Schwierigkeiten haben. Also schauen wir uns die beiden Verben mal an.

Mit »vorenthalten« drückt man aus, dass jemand eine bestimmte Sache nicht bekommt, obwohl er womöglich Anspruch darauf hat. Das kann auch eine Information sein, dann bedeutet »vorenthalten«, dass jemand etwas absichtlich verschweigt:

Die Gründe für seine Entscheidung hat er mir vorenthalten.

Wenn man aber sagen will, dass etwas nur für eine bestimmte Person oder Personengruppe gilt oder möglich ist, dann ist »vorbehalten« das richtige Verb. Die Firma, die den eingangs erwähnten Tweet gesponsert hat, sagt also genau das Gegenteil dessen, was sie eigentlich ausdrücken wollte.

Daran zeigt sich wieder einmal, dass auch und gerade sehr kurze Texte eine Prüfung vertragen können. Denn: Je kürzer ein Text, desto stärker fallen Fehler ins Auge.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (1/2019): Zahlen beschreiben

Manche Formulierungen stören den Lesefluss, obwohl sie nicht im engeren Sinne sprachlich falsch sind. Häufig zücke ich den virtuellen Rotstift, wenn es darum geht, Entwicklungen zu beschreiben. Schauen Sie mal auf folgenden Satz:

Der Mangel an Arbeitskräften wird weiter zunehmen.

Inhaltlich ist daran nichts auszusetzen, sprachlich eigentlich auch nicht. Ein Mangel bedeutet, dass es (zu) wenig von einer Sache gibt. Schwierig wird es aber, wenn sich der Mangel verändert: Je weniger es gibt, desto größer ist der Mangel. Die mit dem Verb (zunehmen) ausgedrückte Bewegung ist genau gegenläufig zu dem, was das Substantiv (Mangel) bezeichnet. Und das knirscht.

Wenn der Mangel als Begriff bleiben soll, schlage ich vor, das Verb zu variieren: Der Mangel kann sich zum Beispiel auch verschärfen, er kann deutlicher, sicht- oder spürbarer werden. Oder Sie wählen eine ganz andere Formulierung, etwa: »Die Zahl der (verfügbaren) Arbeitskräfte wird weiter zurückgehen.«

Eine ähnliche Unschärfe ergibt sich bei Formulierungen wie der folgenden:

Die Quote hat sich mehr als halbiert.

Nach dem ersten Beispiel erkennen Sie jetzt sicher sofort, was ich meine: Das Verb »halbieren« bezeichnet eine Bewegung nach unten, der Ausdruck »mehr als« eine nach oben. Das faszinierende Ergebnis: Wenn sich etwas »mehr als halbiert«, ist am Ende weniger als die Hälfte von der Ursprungsmenge übrig. Sprachliche Klarheit geht anders.

In diesem Fall können Sie zum Beispiel schreiben, die Quote sei nur noch knapp/nicht einmal mehr halb so groß wie vorher. Oder Sie nehmen gleich die konkrete Prozentzahl, dann bleiben keine Fragen mehr offen.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (12/2018): Erinnerungen

Wie halten Sie es mit dem Verb »erinnern«: Erinnern Sie sich an bestimmte Dinge oder Ereignisse? Oder erinnern Sie diese, ganz ohne »sich«?

Standardsprachlich ist »sich an etwas erinnern« korrekt, aber viele Menschen sagen auch »Ich erinnere das nicht«. Die Vermutung liegt nahe, dass diese zweite Form eine nachlässige Übertragung aus dem Englischen ist (»I don’t remember that«). In vielen Fällen ist das womöglich auch so, schließlich hat das Englische immer mehr Einfluss auf unsere Sprache, wie an Wendungen wie »am Ende des Tages« (für »letztendlich«) oder »das gehört zu meiner/unserer DNA« (für »das ist Teil meiner Persönlichkeit/unserer Unternehmensphilosophie«) deutlich wird.

Wie kommt es dann aber, dass zumindest hier in Hamburg auch viele ältere Menschen, die nur wenig oder gar kein Englisch sprechen, »etwas erinnern«?

Tatsächlich verzeichnet der Duden diese Wendung ohne »sich« schon lange, gibt aber den Hinweis »veraltend« dazu, ebenso »besonders norddeutsch«. Das heißt: Sie war hier im Norden einmal gängig. Wenn Sie also künftig den Vorwurf hören, »etwas erinnern« sei ein Anglizismus, können Sie einfach entgegnen, dass Sie ein traditionell geprägter Fischkopf sind. In der schriftlichen Kommunikation sollten Sie das »sich« (bzw. »mich«) aber in jedem Fall dazunehmen.

 

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