Rubrik: Mecker-Ecke

»Vorständin« im Online-Duden – wie bitte?!

In den letzten Tagen meldeten diverse Tageszeitungen, der Begriff »Vorständin« habe der Duden-Redaktion zufolge »gute Chancen«, in die gelbe Rechtschreibbibel aufgenommen zu werden. In der Online-Variante ist er bereits vertreten.

Als ich diese Meldung am Sonntag das erste Mal las, ging mein erster Blick zum Kalender: Nein, wir haben nicht April, sondern Januar – das Ganze ist offenbar kein Scherz.

Wenn Dinge im täglichen Leben bestimmte (neue) Bezeichnungen bekommen, die sich auf breiter Front durchsetzen, dann landen die über kurz oder lang im Duden. So geschehen zum Beispiel mit »twittern« oder mit »Bundeskanzlerin«. Ich finde das interessant und bereichernd, denn Sprache ist nicht statisch. Sie entwickelt sich stetig weiter, und es ist gut und richtig, dass der Duden darauf reagiert. In diesem Fall aber, so meine ich, hat sich die Redaktion vergaloppiert.

Zum einen bezweifle ich stark, dass dieser Begriff tatsächlich so gängig ist (oder sein wird), dass er nach diesen Kriterien einen Duden-Eintrag rechtfertigen könnte. Das hat nichts damit zu tun, dass die Zahl der Frauen in deutschen Unternehmensvorständen bisher noch recht übersichtlich ist. Vielmehr bezeichnet der Begriff »Vorstand« ja ursprünglich das Gremium, also eine Gruppe von Menschen. Wenn man einzelne Personen, die diesem Gremium angehören, »Vorstand« nennt, dann war damit zwar bisher in den meisten Fällen ein Mann gemeint; dennoch ist der Begriff in dieser Bedeutung doch wohl eine Kurzform von »Vorstandsmitglied« – und damit ein geschlechtsneutraler Oberbegriff, auch wenn er grammatisch zufällig maskulin ist.

Ein Mitglied kann ein Mann oder eine Frau sein, genauso wie ein Gast (ebenfalls maskulin) oder ein Mensch (dito) – oder eben ein Finanz- oder Personalvorstand. »Vorständin« folgt derselben Struktur wie »Menschin« oder »Gästin«. Aber die Duden-Redaktion ist meines Wissens nie auf die Idee gekommen, letztere Begriffe aufzunehmen – zu Recht, denn falsches Deutsch hat im Duden, Verbreitung hin oder her, nichts zu suchen.

Warum sollte das bei »Vorständin« anders sein?

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Unwort des Jahres 2012: Opfer-Abo

Heute wurde an der TU Darmstadt das Unwort des Jahres 2012 bekannt gegeben. Es wird seit 1994 von einer institutionell unabhängigen Jury ausgewählt (zuvor von der Gesellschaft für deutsche Sprache GfdS). Auf der Liste der Anwärter standen Begriffe wie »Schlecker-Frauen«, »Anschlussververwendung« oder »moderne Tierhaltung« – Begriffe also, die einem bei halbwegs regelmäßiger Lektüre der aktuellen Nachrichten zumindest schon einmal untergekommen sein dürften.

Zur allgemeinen Überraschung verlieh die Jury den Titel aber an den Ausdruck »Opfer-Abo«. Wie bitte? In einem Interview hatte Jörg Kachelmann diesen Begriff benutzt und damit, so die Jury, Frauen pauschal unter den Verdacht gestellt, sie würden Anschuldigungen (z. B. sexueller Gewalt) erfinden, um ihre Interessen durchzusetzen. Der Begriff verletze nicht zuletzt die Würde der tatsächlichen Opfer. Die ausführliche Begründung findet sich in der Pressemitteilung der Jury (PDF). Die allgemeinen Kriterien der Jury für ein Unwort des Jahres sind hier nachzulesen. Auf deren Basis ist die Wahl nachvollziehbar.

Was mich aber wundert, ist die Tatsache, dass hier ein Begriff gekürt wird, der in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Anders als bei der Wahl zum Wort des Jahres (durch die GfdS), bei der es ausdrücklich um Wörter und Ausdrücke geht, »die die öffentliche Diskussion des betreffenden Jahres besonders bestimmt haben, die für wichtige Themen stehen oder sonst als charakteristisch erscheinen«, spielt dieser Aspekt hier offenbar keine Rolle. Aber kommt es nicht gerade darauf an? Wörter und Unwörter des Jahres haben zumindest bisher Ereignisse und Entwicklungen und deren Niederschlag in der Sprache dokumentiert; dazu gehört auch, dass mehr als ein(ige) Mensch(en) ihn benutzt hat/haben und dass er ein breites und lang anhaltendes Echo in den Medien gefunden hat.

Das aber trifft auf »Opfer-Abo« nicht zu.  Der Begriff erfüllt die Kriterien, die die Jury definiert hat. Dass viele ihn bisher nicht kannten, macht ihn nicht weniger unmöglich; der Kategorie »Unwort« stimme ich durchaus zu. Den Zusatz »des Jahres« allerdings hätten für mich andere Begriffe (mehr) verdient.

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Der Weg ist das Ziel

Ich habe bei Ebay 163 Sterne. Die haben mich ziemlich viel Zeit gekostet, denn ich zähle mich zu den Hobby-Nutzern, die nur ab und zu mal etwas einstellen und ebenso unregelmäßig etwas suchen und kaufen. 

Ob ich dafür Sterne kriege und wie viele, ist mir eigentlich ziemlich egal. Aber über solche übermotivierten Werbebotschaften wie diese hier muss ich dann doch lachen.

(Quelle: ebay.de)

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Fehlbitte

Es gibt einige Formulierungen aus dem Schriftdeutsch des frühen 20. Jahrhunderts, die sich irgendwie bis heute durchmogeln. Zum Beispiel schreibt meine Hausverwaltung oft:

Wir hoffen, mit unserem Schreiben keine Fehlbitte geleistet zu haben und verbleiben mit freundlichen Grüßen …

(Korrekterweise gehört hinter »haben« noch ein Komma. Aber das ist hier nicht das Thema.)

Der Begriff »Fehlbitte« ist im gelben Rechtschreibduden gar nicht (mehr) zu finden. Das will etwas heißen, denn da überlebt so mancher Begriff ziemlich lange.

Man ahnt ungefähr, was gemeint sein könnte: »Wir hoffen, dass wir uns nicht umsonst die Mühe gemacht haben, dieses Schreiben zu formulieren« oder »Tut uns leid, falls wir hier den Falschen beschuldigen. Schöne Grüße trotzdem!« Aber raten ist nicht gerade das, was der Empfänger eines geschäftlichen Briefes tun sollte.

Abgesehen von dem antiquierten Wort »Fehlbitte« ist das Ganze ein völlig unnötiges Streckverb. Hinzu kommt, dass es schon lange nicht mehr üblich ist, die Grußformel in den vorhergehenden Satz einzubeziehen. Und die Wendung »verbleiben mit freundlichen Grüßen« war schon immer Käse; wozu spreche ich freundliche Grüße aus, wenn sie dann bei mir verbleiben? 😉

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Es könnte alles so einfach sein

Vor einigen Wochen hatte ein großes Hamburger Unternehmen, das wöchentlich eine neue Welt verkauft, Kleidung im Angebot. Aber nicht irgendwelche! Nein, es gab zum Beispiel »Longsleeves«, »Henleys«, »Beanies« oder »Cropped T-Shirts«.

Dass Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller, die (im besten Sinn verstanden) zweifellos den Großteil der Kundschaft stellen, das möglicherweise nicht verstehen, hatte ganz offensichtlich zwischendurch schon mal jemand angemerkt. Aber so ganz wollte man auf die zur Schau gestellte Coolness dann doch nicht verzichten. Statt also einfach deutsche Bezeichnungen zu verwenden, entschied man sich, in dem dazugehörigen Prospekt ein Glossar abzudrucken, das all diese Begriffe erklärte. Warum einfach, wenn es auch umständlich geht?

Zielgruppengerechte Kommunikation? Nie gehört.

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Was ist denn ein »Spitzerkern«?

Wir Lektoren brauchen ständig Bindestriche. Die setzen wir dann dahin, wo andere Leute zu geizig waren, zum Beispiel zwischen »Katzenhaar« und »Allergie« oder zwischen »Fußball« und »Weltmeisterschaft«. Wobei die meisten Lektoren »Fußballweltmeisterschaft« in einem Wort schreiben würden, das Wort ist schließlich übersichtlich genug, und unnötige Bindestriche hemmen den Lesefluss.
HALT! Damit niemand auf dumme Gedanken kommt: Das zentrale Wort im vorigen Satz ist »unnötige«, und die Alternative ist die Zusammenschreibung und nicht das Leerzeichen.

Auch relativ kurze Wörter können unübersichtlich sein. Gestern las ich in einem Brief unserer Hausverwaltung dies: 

… Arbeiten an der Fassade/den Spitzerkern des Gebäudes …

Spitzerkern? Was ist das? Und warum heißt es nicht »dem Spitzerkern«? 

Weil die Betonung nicht auf der ersten, sondern auf der zweiten Silbe liegen muss. Gemeint sind nämlich Spitz-Erker. Hätte man sie mit Bindestrich geschrieben, hätte das auch jeder Depp (wie ich) gleich verstanden. Das ist also mal ein Fall, in dem ein Bindestrich in einem relativ kurzen Wort wirklich angebracht ist. Um den Lesefluss nicht zu hemmen.

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Wer nachdenkt, ist klar im Vorteil

Wie geht das eigentlich vor sich, wenn eine Firma überlegt, wie und vor allem wo sie den Text auf ihre Verpackungen aufbringt?

Neulich war dieses Dings für die Spülmaschine leer, das verhindern soll, dass die Gläser korrodieren. Ich stöberte in der Kammer und fand noch eins in Originalverpackung. Und ganz oben auf dieser Verpackung stand dies:

Was, bitte, ist das für eine Formulierung? Hat denn die Marketingabteilung niemanden, den sie mal fragen kann, ob die Texte alle so in Ordnung sind? Es gäbe so viele Möglichkeiten, aber »Stop zu trüben Gläsern« passt ja nun hinten und vorne nicht. 

Heute nun kaufte ich ein neues Reserve-Dings. Dieses Mal waren die Packungen im Laden nicht an einer Wandhalterung aufgehängt, sondern standen ganz normal im Regal. Und siehe da:

Was die Formulierung angeht, bin ich also versöhnt (auch wenn ich nicht dazu neige, mit meinen Gläsern zu sprechen). Aber mal ehrlich: Wer kommt auf die Idee, einen Teil eines Textes genau an die Stelle zu schreiben, die den Verbraucher gar nicht erreicht, weil Packungen im Laden aufgehängt werden?!

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Kunstvoll geschachtelt

Man sollte es nicht für möglich halten, aber dieser Satz ist grammatisch vollkommen einwandfrei:

Offenbar gingen die Aufgaben, Besucher durch die Ausstellung zu führen und erschöpften Touristen, die nicht daran gedacht hatten, für das Bank-Holiday-Wochenende im Voraus zu reservieren, Übernachtungsmöglichkeiten zu besorgen, Hand in Hand.
(aus: S. Kearsley, »Rosehill«) 

Ich habe eine Weile gebraucht, um dieses Urteil abgeben zu können, denn auf Anhieb ist der Satz ja kaum zu verstehen. Hätte ich den Text zum Lektorieren bekommen, wären daraus mindestens zwei Sätze geworden, denn mit Lesevergnügen hat das nichts mehr zu tun.

Einen Respektpunkt vergebe ich allerdings: Meistens gehen solche Schachtelkonstruktionen schief, weil der Schreiber selbst den Überblick verliert, welche Satzteile er noch vervollständigen muss. Hier aber passt es.

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