Rubrik: Allgemein

»Zwei Minuten für die Sprache« (9/2020): Zu- und Abnahmen

Ich habe lange überlegt, ob ich im Newsletter etwas ansprechen soll, was mir an der Berichterstattung über die Corona-Pandemie auffällt. Die ersten Monate habe ich es gelassen, weil ich das Thema, mit dem wir alle genug zu tun haben, nicht auch noch in die »Zwei Minuten« tragen wollte. Inzwischen aber kann ich kaum anders, denn das Phänomen taucht wirklich flächendeckend auf. Es geht um Sätze folgender Art:

Die Neuinfektionen sind in der letzten Woche deutlich gestiegen.
Die Fluggäste gehen wieder zurück.
Die Touristen an Nord- und Ostsee nehmen zu.

So oder so ähnlich ist es fast jeden Tag in den Medien zu hören und zu lesen. Dass die gute Seeluft hungrig macht, weiß ich aus eigener Erfahrung; dass man bei einem Urlaub dort ein bisschen Speck ansetzt, ist wahr. Aber warum interessiert es eine Nachrichtensendung oder eine Zeitung, dass die Touristen dicker werden? Wohin gehen die Fluggäste zurück? Und warum sind manche Neuinfektionen höher als andere?

Diese Formulierungen sagen genau das aus. Damit gehen sie aber am Kern vorbei: Was tatsächlich steigt, zunimmt oder zurückgeht, ist die jeweilige Zahl: die Zahl der Infektionen ist gestiegen, die Zahl der Fluggäste geht zurück, die Zahl der Touristen nimmt zu.

Natürlich können Sie jetzt sagen: »Aber es ist doch klar, was gemeint ist!« Ja, ist es. Aber ist das ein Grund, ungenau zu formulieren; noch dazu, wenn man mit dem Formulieren sein Geld verdient? Ich finde nicht. Gerade in Nachrichten und anderen Informationstexten kommt es darauf an, präzise zu sein. Dann machen Sie einfach eine bessere Figur.

 

Dies ist die September-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (8/2020): Apposition

Lesen Sie mal den folgenden Satz und überlegen Sie, ob er für Sie richtig klingt:

Zurzeit ist Fritz Muster Chef der Agentur XY,
einem Unternehmen der YZ AG.

Den Teil, der nach dem Komma folgt, nennt man Apposition (Beisatz). Ein solcher Beisatz erläutert etwas näher, was vorher genannt wurde. Entsprechend gehört diese inhaltliche Ergänzung dann auch in den grammatischen Rahmen, den das Bezugswort vorgibt: Steht es im Genitiv, gilt das auch für die Apposition; steht das Bezugswort zum Beispiel im Akkusativ, antwortet auch die Apposition auf die Frage »wen oder was?«. Richtig ist also:

Zurzeit ist Fritz Muster Chef (wessen? → Genitiv) der Agentur XY,
(→ auch Genitiv) eines Unternehmens der YZ AG.

Viele Menschen setzen Appositionen aber grundsätzlich und ohne grammatische Detailbetrachtung in den Dativ (Frage: wem?). Dieser Fehler ist auch unter Schreib-Profis so verbreitet, dass man vermuten könnte, die Apposition mit Dativ würde irgendwo als eiserne Grundregel gelehrt. Für viele Menschen klingt sie so vertraut, dass sie keinen Fehler wahrnehmen.

Wenn Sie unsicher sind, prüfen Sie, ob der Satz grammatisch auch ohne das Bezugswort funktionieren würde (hier: »Zurzeit ist Fritz Muster Chef eines Unternehmens der YZ AG.«). Eine Apposition im Dativ ist nur dann richtig, wenn auch das Bezugswort im Dativ steht. Zum Beispiel:

Wir sind heute zum Interview verabredet mit (wem? → Dativ) Fritz Muster,
(→ auch Dativ) dem Chef der Agentur XY.

Machen Sie sich immer klar, auf welche Frage das Bezugswort antwortet. Dann wissen Sie auch, wie der Beisatz lauten muss.

 

Dies ist die August-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (7/2020): wundern

»Es verwundert nicht, dass …«: Diese Formulierung kommt mir beim Lektorieren ziemlich oft unter. In ihr sind zwei Formen gemischt, die zwar inhaltlich ähnlich sind, grammatisch aber gar nicht so viel miteinander zu tun haben. Schauen wir mal genauer hin.

Da wäre zunächst das Verb »wundern«. Es bezieht sich immer auf eine Person: Jemand kann sich wundern, zum Beispiel über eine andere Person oder über einen Sachverhalt. Genauso kann auch etwas jemanden (Akkusativ) wundern. Entsprechende Aussagen können zum Beispiel so lauten:

Ich wundere mich, dass es noch immer keine Neuigkeiten gibt.
Es wundert mich, dass du noch nicht losgegangen bist.

Möglich ist auch »verwundern«, ebenfalls mit persönlichem Bezug (»Es verwundert mich nicht, dass es nicht funktioniert.«; »Ich habe mich sehr über dein Verhalten verwundert.«). Allerdings klingt diese Variante gestelzt und auch etwas antiquiert. Da die Vorsilbe »ver-« außerdem keinen inhaltlichen Mehrwert zu »wundern« bietet, können Sie sie auch gleich weglassen.

Ist die Aussage allgemeiner, hat sie also keinen Bezug zu einer bestimmten Person, wird aus dem Verb »wundern« das Adjektiv »verwunderlich«. Ein Adjektiv beschreibt keine Tätigkeit, sondern einen Zustand:

Es ist nicht verwunderlich, dass ich so müde bin.

Die Formulierung im ersten Absatz (»Es verwundert nicht, dass …«) ist eine Mischform aus diesen Varianten, und die ist falsch.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der Duden unter dem Stichwort »verwundern« noch das Beispiel »Es ist nicht zu verwundern« anführt. Dieser Gebrauch ist mir noch nie begegnet; ich vermute, dass es sich um eine veraltete Wendung handelt.

 

Dies ist die Juli-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (6/2020): glaubhaft vs. glaubwürdig

Schon häufiger bin ich gefragt worden, ob ich nicht mal über den Unterschied zwischen »glaubhaft« und »glaubwürdig« schreiben könne. Kein Problem, dieser Unterschied ist eigentlich ganz klar. Dachte ich. Trotzdem recherchiere ich natürlich, bevor ich einen Newsletter schreibe. Und diesmal habe ich dabei noch etwas gelernt.

Mein Verständnis war und ist: Während »glaubhaft« sich auf Dinge oder Sachverhalte bezieht, bewertet »glaubwürdig« Personen. Eine glaubhafte Darstellung ist so gestaltet, dass man sie für wahr halten kann, sie ist einleuchtend und überzeugend. Entsprechendes gilt für eine glaubwürdige Person: Sie ist zuverlässig und integer, ihr Verhalten rechtfertigt das Vertrauen, das man in ihre Aussage setzt.

Googelt man beide Begriffe, zeigt sich, dass diese Abgrenzung auch genau so existiert – allerdings nicht im Duden, sondern im Strafrecht. Das ist ja schon mal was.

Befragt man aber die Rechtschreib-Bibel nach Beispielen für den tatsächlichen Gebrauch der beiden Adjektive, zeigt sich: Insbesondere »glaubwürdig« scheint nicht (mehr) so klar zugeordnet zu sein. Da findet sich etwa das Beispiel »eine glaubwürdige Schilderung des Vorgangs«. Nach der klaren Unterscheidung, die im Strafrecht gängig ist, wäre hier nur »eine glaubhafte Schilderung« sinnvoll und richtig.

Sprache wandelt sich, und das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Wenn Sie trotzdem gerne klare Regeln haben: Halten Sie sich an die oben genannte Abgrenzung, dann machen Sie nichts falsch.

 

Dies ist die Juni-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | 1 Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (5/2020): »beide« und »die beiden«

Heute starte ich mal wieder mit einer kleinen Aufgabe für Sie. Schauen Sie sich mal die folgenden Sätze an. Unterscheiden sie sich inhaltlich? Wenn ja, inwiefern?

(1) Die beiden haben mehrere Fragen gestellt.
(2) Beide haben mehrere Fragen gestellt.

Auf Anhieb würden viele sicher sagen, die Wendungen »die beiden« und »beide« sind deckungsgleich: Sie beziehen sich auf zwei zuvor genannte Personen oder Dinge und beschreiben diese näher. Tatsächlich kann sich der Bezug aber durchaus unterscheiden. Zur Verdeutlichung noch zwei Beispiele:

(3) Die beiden haben ein neues Auto gekauft.
(4) Beide haben ein neues Auto gekauft.

Nun wird es klarer, oder? Der jeweils erste Satz betrachtet zwei Personen gemeinsam und beschreibt etwas, das auf beide zusammen zutrifft. Das Gegenstück drückt aus, dass zwei Personen das Gleiche getan haben, aber eben jeweils für sich, nicht zusammen.

Für die Beispiele bedeutet das:

  • In Satz (1) ist es durchaus möglich, dass Person A nur eine Frage gestellt hat, Person B aber einige, sodass es zusammen mehrere waren.
  • In Satz (2) dagegen haben Person A und Person B jeweils mehrere Fragen gestellt.
  • Satz (3) besagt: Person A und Person B haben zusammen ein neues Auto gekauft.
  • Ergebnis von Satz (4) sind dagegen zwei neue Autos: jeweils eins für Person A und Person B.

 

Dies ist die Mai-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (4/2020): x-einander und Verb

Heute serviere ich Ihnen eine Faustregel, die gut zu merken ist und sich breit anwenden lässt. Es geht um Kombinationen von »aneinander«, »aufeinander«, »auseinander«, »miteinander« oder »voneinander« mit einem Verb. Schreibt man die zusammen oder nicht?

Unabhängig davon, welches der Adverbien mit »-einander« Sie vor sich haben, gilt: Die Kombination mit einem Verb (Tätigkeitswort) schreibt man zusammen, wenn die Betonung ausschließlich in der Mitte von »-einander» liegt:

aneinandergeraten, aufeinanderprallen, sich mit etwas auseinandersetzen,
voneinandergehen

Hat aber das Verb eine eigene Betonung, schreibt man zwei Wörter:

aneinander denken, aufeinander achten, auseinander hervorgehen,
voneinander wissen

Wohl am häufigsten werde ich gefragt, ob man die Kombination aus »aufeinander« und »folgen(d)« denn nun zusammen- oder getrennt schreibt. Wenn Sie die Betonung prüfen, merken Sie: Beide Varianten sind möglich. Entsprechend sind auch beide Schreibweisen zulässig, der Duden empfiehlt hier die Zusammenschreibung.

Kombinationen von »miteinander« und einem Verb schreibt man übrigens immer in zwei Wörtern. Das ist aber keineswegs eine Abweichung von der Regel. Es liegt daran, dass es kein Verb gibt, das in der Verbindung mit »miteinander« unbetont bleibt.

 

Dies ist die April-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (3/2020): Lass es einfach!

Häufig werde ich gefragt, ob sich im Zuge von Sprachwandel und Rechtschreibreform etwas an der Bildung von Imperativen geändert habe. Dass falsche Aufforderungsformen wie »les(e)« oder »geb(e)« inzwischen sogar in renommierten Zeitungen mal durchrutschen, sorgt offenbar für Irritationen. Verständlich! Deshalb gibt es von mir heute eine kleine Auffrischung in Sachen Befehlsform.

Oft wird der Imperativ durch Weglassen des »-(e)n« aus dem Infinitiv gebildet. So heißt es zum Beispiel »Geh mal bitte zur Seite«, »Grüß deine Schwester von mir« oder »Wasch dir die Hände«. Aber es gibt eben auch Fälle, in denen es anders läuft: Es heißt »Gib (nicht: gebe) mir mal einen Tipp«, »Nimm (nicht: nehme) dir einen Keks« und »Lies (nicht: lese) mal den Artikel«. Genau so, wie wir es alle in der Schule gelernt haben (sollten). Daran hat die verbreitet falsche Umgangssprache bisher nichts geändert, und die Rechtschreibreform hat damit ohnehin nichts zu tun.

Ein weiterer häufiger Fehler ist der inflationäre Einsatz von Apostrophen. Die sind im Zusammenhang mit Imperativen fehl am Platz. Mit einem Apostroph kann man anzeigen, dass etwas weggelassen wird; nötig ist das aber nur, wenn der Begriff ohne das Strichlein schwer zu erfassen wäre. Die Form »geh« ist aber genauso verständlich wie »gehe«, Gleiches gilt für »hol«/»hole« oder »grüß«/»grüße«: Apostrophe brauchen Sie da nicht, die bremsen nur den Lesefluss. Und bei »nimm«, »gib« oder »lies« ist gar nichts weggelassen, die sind einfach so, wie sie sind.

 

Dies ist die März-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (2/2020): Do it yourself

»Do it yourself« ist in den letzten Jahren wieder sehr in Mode gekommen. Man schreibt und spricht es auf Englisch, das klingt offenbar für viele besser. Oder liegt es einfach daran, dass viele Menschen unsicher sind, wie man Kombinationen mit »selbst« richtig schreibt? Auch wenn das natürlich eine rhetorische Frage ist: Gegen die Unsicherheit kann man ja was tun.

Heißt es also »selbstbacken« oder »selbst backen«, »selbstgenäht« oder »selbst genäht«, »selbstklebend« oder »selbst klebend«? Was richtig ist, hängt davon ab, was mit »selbst« kombiniert wird: ein Adjektiv (Eigenschaftswort) oder ein Verb (Tätigkeitswort).

Kombinationen mit Adjektiven sind kein großes Thema, die schreiben Sie mit einiger Sicherheit intuitiv richtig, nämlich zusammen: selbstbewusst, selbstbestimmt, selbstverständlich, selbstgefällig, selbsttätig.

Bei der Verbindung mit Verben gilt es zu unterscheiden: Steht das Verb im Infinitiv, schreibt man getrennt (selbst backen, selbst nähen). Geht es aber um das, was durch eine entsprechende Tätigkeit entstanden ist (hier etwa Brot, Kuchen, ein Kleidungsstück), steht das Verb nicht mehr im Infinitiv. Die Formen »gebacken« und »genäht« heißen in der Grammatiksprache Partizipien. Und weil diese Partizipien hier gebraucht werden wie Adjektive, lassen sich die entsprechenden Kombinationen auch in beide Kategorien einordnen. Man kann sie also getrennt oder zusammenschreiben: ein selbstgebackenes oder selbst gebackenes Brot, eine selbstgenähte oder selbst genähte Hose.

Bleibt noch »selbstklebend« oder »selbstentzündlich«: Diese Begriffe sind Kurzformen für »von selbst klebend/entzündlich«. Bei ihrer Bildung fällt ein Wort weg (»von«), und immer wenn das passiert, schreibt man das Verbleibende zusammen.

 

Dies ist die Februar-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (1/2020): bewegt oder bewogen?

Das Verb »bewegen« lässt sich vielseitig einsetzen. Meistens wird es schwach gebeugt, das heißt, in den grammatischen Formen bleibt die Grundform (»beweg-«) immer gleich: Er bewegt, sie bewegte, er hat etwas bewegt. Was viele aber nicht wissen: In einer Bedeutung ist »bewegen« ein starkes Verb.

Aber der Reihe nach. Das schwache Verb »bewegen« bezeichnet eine Orts- oder Lageveränderung: Man bewegt einen Gegenstand von A nach B, jemand bewegt den Kopf zur Seite, die Erde bewegt sich um die Sonne. In übertragener Bedeutung bewegt sich zum Beispiel etwas im Kreis (führt zu keinem Ergebnis), oder jemand bewegt (erreicht) durch sein Handeln etwas.

In allen diesen Fällen bleibt der Wortstamm in den Vergangenheitsformen unverändert: Er hat (sich) bewegt, sie bewegte (sich). Interessant wird es, wenn die Bewegung innerlich geschieht.

Wenn mich ein Ereignis oder eine Rede berührt hat, war ich tief bewegt. Ließ ein Problem jemanden eine Zeit lang nicht ruhig schlafen, hat es ihn bewegt. Bestimmte Umstände oder Motive können eine Person aber auch dazu veranlassen, etwas zu tun oder zu entscheiden. Und genau in diesen Fällen ist »bewegen« ein starkes Verb, bei dessen Beugung sich die Grundform verändert: Etwas hat jemanden zum Einlenken, zum Kauf, zum Verzicht oder zu irgendetwas anderem bewogen. In dieser Bedeutung ist die Form »bewegt« falsch.

Als Eselsbrücke können Sie sich merken, dass in dieser Bedeutung der Aspekt des Abwägens mitschwingt; dann wirkt »bewogen« auch gleich viel natürlicher als »bewegt«.

 

Dies ist die Januar-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |
»Zwei Minuten für die Sprache« (12/2019): Auswahlfragen

Eine Leserin dieses Newsletters brachte mich neulich auf eine sprachliche Eigenheit im Zusammenhang mit Auswahlfragen. Nehmen wir mal an, jemand möchte zwei Sorten Weihnachtsplätzchen backen und fragt nach den besten Rezepten. Wie heißt es dann richtig?

Welches sind die besten Keksrezepte, die du kennst?
Welche sind die besten Keksrezepte, die du kennst?

Nüchtern betrachtet würde man sagen, die zweite Variante ist richtig; schließlich heißt es ja auch »Welche Keksrezepte kennst du?« und nicht »Welches Keksrezepte kennst du?«. Klare Sache also. Eigentlich. Wenn da nicht dieses Bauchgefühl wäre, das den meisten von uns sagt, dass »welches« in diesem Zusammenhang vertrauter klingt …

Und wann, wenn nicht bei Keksen, sollte man auf seinen Bauch hören? Tatsächlich sind Fragen nach diesem Schema grundsätzlich mit dem Fragewort »welches?« korrekt. Dabei ist es ganz egal, ob die Auswahlbegriffe maskulin, feminin oder neutral sind und ob sie im Singular oder im Plural stehen. Ein Fragewort für alle Formen, es ist immer richtig. Das ist doch mal eine einfache Regel, oder? Noch ein paar Beispiele:

Welches sind die wichtigsten Zutaten?
Welches ist der richtige Rührbesen?

Nur wenn das Substantiv nicht genannt wird, kommt auch mal »welche« vor. Wenn Sie also mit jemandem alle Kekse durchprobiert haben und kurz vor dem Zuckerkoma Ihr Gegenüber nach dessen liebster Sorte fragen, reicht es zur Not auch ohne s:

Welche ist die leckerste?

 

Dies ist die Dezember-Ausgabe 2019 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: AllgemeinWussten Sie schon, ...? | Bisher kein Kommentar |