Rubrik: Allgemein

»Zwei Minuten für die Sprache« (6/2017): Kopplungen aus deutschen und englischen Begriffen

Das heutige Thema verbreite ich zwar sehr häufig bei Twitter, aber ich habe es tatsächlich noch nie in einem Newsletter behandelt. Es geht um mehrteilige Begriffe mit englischen Elementen.

»Social Media«, »Big Data«, »Best Practice«: Diese und einige weitere Begriffe haben wir unübersetzt ins Deutsche übernommen. Sie sind jeweils als Einheit ähnlich wie ein Eigenname zu verstehen, weshalb man den jeweils ersten Bestandteil großschreibt, obwohl es dafür eigentlich gar keinen Grund gibt: »social«, »big« und »best« sind Adjektive, also Eigenschaftswörter, die man im Deutschen generell kleinschreibt (und im Englischen sowieso). Ein Bindestrich steht hier nicht, weil diese Formen keine Kopplungen sind, sondern ganz gewöhnliche Kombinationen aus Adjektiv und Hauptwort.

Wenn man diese zweiteiligen Begriffe aber nun mit einem deutschen Hauptwort zusammensetzt, sodass die Kombination eine neue Gesamtheit bezeichnet, gelten für sie die gleichen Regeln wie für alle Zusammensetzungen im Deutschen: Aus mehreren Bestandteilen zusammengesetzte Begriffe schreibt man entweder in einem Wort (wenn sie übersichtlich genug sind) oder koppelt sie mit Bindestrichen komplett durch.

In diesem Fall steht dann also auch zwischen den beiden englischen Bestandteilen ein Bindestrich:

Social-Media-Berater, Big-Data-Anwendung, Best-Practice-Beispiele

Die Schreibung in einem Wort scheidet aus naheliegenden Gründen aus: »Socialmediaberater« oder »Bigdataanwendung« lassen sich beim besten Willen nicht mehr als übersichtlich bezeichnen.

 

Dies ist die Juni-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache« (5/2017): stetig und ständig

Heute geht es mir um zwei Wörter, die sehr oft in gleicher Bedeutung verwendet werden: »ständig« und »stetig«. Oft sind sie tatsächlich austauschbar. Aber obwohl Nachschlagewerke beide als Synonyme des jeweils anderen verzeichnen, gibt es einen feinen Unterschied in der Bedeutung. Das zeigt wieder einmal: Synonymwörterbücher bieten Anhaltspunkte, sollten aber mit Bedacht und Sprachgefühl genutzt werden.

Vergleichen Sie mal die folgenden beiden Sätze:

Wir bilden unsere Beschäftigten ständig weiter.
Wir bilden unsere Beschäftigten stetig weiter.

Während »ständig« ausdrückt, dass etwas durchgehend oder sehr häufig stattfindet, [fast] ohne Unterbrechung andauert und sich nicht ändert, beschreibt »stetig« eine gleichmäßige Entwicklung, die durchaus aus separaten Schritten/Stationen bestehen kann, also nicht unbedingt durchgehend stattfindet. Diese Schritte ergeben dann aber in der Gesamtsicht eine beständige Tendenz, die bei »ständig« nicht notwendigerweise gegeben ist.

Mein Sprachzentrum gibt Laut, wenn ich im Zusammenhang mit Weiterbildung »ständig« lese. Natürlich lernt man im Idealfall jeden Tag dazu und hört auch das ganze Leben lang nicht damit auf. Hier aber sind ja Seminare und andere Kurse gemeint, und die finden punktuell statt. Wenn sie aufeinander aufbauen und sich ergänzen, wächst auf lange Sicht das Wissen der Belegschaft kontinuierlich an: eine stetige Entwicklung.

Dagegen ist »ständig« sinnvoll in Kombinationen wie »ständige Vertretung« oder »ständiges Mitglied«. Auch eine Herausforderung kann ständig sein: Davon können zum Beispiel alleinerziehende Elternteile ein Liedchen singen. Und wenn in einem zweiwöchigen Urlaub 14 Tage lang die Sonne schien, dann hatte man ständig schönes Wetter.

 

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So langsam wird es doch!

Kürzlich habe ich bei Twitter mal wieder angemerkt, dass ich nach wie vor richtig geschriebene »Herzlich willkommen«-Schilder sammle. Wäre doch gelacht, wenn wir die Sammlung nicht gemeinsam vergrößern könnten!

Und siehe da:

Janne Klöpper, Texterin, Moderatorin und Prozessbegleiterin aus Hannover, steuerte dieses Bild aus dem – ebenfalls orthografisch korrekten – Willy-Brandt-Haus bei:

Texterin und Lektorin Sandra Meinzenbach aus Leipzig wusste Erfreuliches von Rewe zu berichten:

Und ich selbst habe kürzlich auf Sylt ein weiteres Sammlerstück gefunden:

 


(In dieser Rubrik trage ich Bilder von – sehr selten gewordenen – korrekt geschriebenen »Herzlich willkommen«-Grüßen zusammen. Dazu freue ich mich jederzeit über Unterstützung! Weitere Infos gibt es hier.)

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»Zwei Minuten für die Sprache« (4/2017): »sogenannt« und Anführungszeichen

Über die Variationen und den korrekten Gebrauch von Anführungszeichen habe ich vor gut zwei Jahren schon einmal geschrieben. Heute möchte ich dazu noch etwas ergänzen, weil es mir im Rahmen meiner Lektoratsarbeit immer wieder begegnet.

Sehr häufig lese ich nämlich, dass ein Begriff mit dem Wort »sogenannt« angekündigt wird und der Begriff selbst dann in Anführungszeichen steht. Ein Beispiel:

Sie gehören der sogenannten »Generation Y« an.

Das ist nicht im engeren Sinn falsch; trotzdem zücke ich in diesen Fällen grundsätzlich den virtuellen Rotstift. Und ich sage Ihnen auch, warum.

Sowohl das Wort »sogenannt« als auch die Anführungszeichen zeigen an, dass der Begriff besonders ist: weil er zum Beispiel neu oder ungewöhnlich ist oder weil ihn möglicherweise nicht alle angesprochenen Leser/-innen kennen. Anführungszeichen und »sogenannt« heben den Begriff heraus und sorgen dafür, dass er besondere Aufmerksamkeit erhält. Man macht beim Lesen auch unwillkürlich eine kleine Pause vor dem entsprechenden Wort.

Diesen Effekt erzielen beide Elemente aber auch unabhängig voneinander:

Sie gehören der »Generation Y« an.
Sie gehören der sogenannten Generation Y an.

Das heißt: Die Kombination von »sogenannt« und Anführungszeichen ist eine Dopplung, die den Text unnötig aufbläht. Die Aussage büßt nichts von ihrer Bedeutung ein, wenn Sie auf eins davon verzichten.

 

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SO geht das!

Endlich habe ich mal wieder ein leuchtendes Beispiel für die Rubrik »Herzlich willkommen!« gefunden: Jacques’ Wein-Depot in Hamburg-Barmbek macht sprachlich alles richtig – und das gilt nicht nur für die Begrüßungsformel. Der Apostroph steht an der richtigen Stelle UND ist auch wirklich ein Apostroph. Und nicht zuletzt ist »Wein-Depot« mit Bindestrich goldrichtig (auch möglich: Weindepot). Hurra!

Dass ich all das so hervorhebe, zeigt (nicht zuletzt mir) wieder mal, an wie viel Sprachmurks auf kleinstem Raum man inzwischen fast schon gewöhnt ist. Sehr wohltuend, dass es auch anders geht. Großes Lob!

Mit einem Ausrufezeichen am Ende wäre es perfekt. Aber irgendwas ist ja immer. 😉

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»Zwei Minuten für die Sprache« (3/2017): dasselbe und das Gleiche

Wenn zwei Personen mit jeweils einem grünen Smart unterwegs sind, dann fahren sie das gleiche Auto. Teilen sie sich dagegen einen Pkw, fahren sie dasselbe Auto. Der inhaltliche Unterschied zwischen »das gleiche X« und »dasselbe X« ist sicher keine Neuigkeit für Sie. Aber kennen Sie sich auch mit der dazugehörigen Rechtschreibung aus? Auch da gibt es nämlich deutliche Unterschiede.

So schreibt man das eine zusammen und das andere getrennt. Freundlicherweise passt die Zuordnung dabei zur Bedeutung, sodass man sich das gut merken kann: Bei »derselbe/dieselbe/dasselbe X« geht es um eine Sache, das schreibt man immer in einem Wort. Zwei Dinge sind bei »der/die/das gleiche X« im Spiel, und siehe da: Man schreibt es auseinander.

Steht eine solche Wendung ohne Substantiv, ist außerdem die Groß- und Kleinschreibung unterschiedlich:

Das ist alles das Gleiche.
Das ist alles (ein und) dasselbe.

Es gibt auch Fälle, in denen der Wortteil »selbe« nicht mit dem bestimmten Artikel (der, die, das) verschmolzen ist. Wenn nämlich ein Verhältniswort (Präposition) hinzukommt, das mit dem Artikel verbunden wird, bleibt »selbe« allein:

Wir gehen zum selben (= zu demselben) Konzert.
Sie saßen im selben (= in demselben) Flugzeug.

 

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Lass’ krachen!

Gestern am späten Abend meldete der NDR per Einblendung im aktuellen Fernsehprogramm, eine Oberleitung sei am Hamburger Hauptbahnhof auf einen ICE gekracht. Ich konsultierte das Internet – das gleiche Spiel: Oberleitung kracht auf ICE. Auch in den Nachrichten kracht es immer häufiger: Der Verkehrsfunk berichtet über Autos, die in Leitplanken gekracht sind, oder über Baugerüste, die bei Sturmböen herunterkrachen.

Ich zucke immer zusammen, wenn ich so etwas höre oder lese. Für mich ist krachen ganz klar Umgangssprache; auch der Duden kennzeichnet das Verb entsprechend (siehe hier; Bedeutung 2). Umgangssprache hat in Nachrichten und sonstigen Informationstexten nichts verloren. Eigentlich. Fakt ist aber: Sie breitet sich auch und gerade dort immer mehr aus; mit dem Effekt, dass Nachrichten (in meiner Wahrnehmung vor allem Regionalmeldungen im Radio) oft klingen, als hätte ein Grundschulkind den Text geliefert.

Ich schrieb ja neulich schon mal über die Sprachentwicklung im Zusammenhang mit englischen Begriffen: Wenn Wörter und Formulierungen von immer mehr Menschen benutzt werden, gehen sie irgendwann in den allgemeinen Sprachschatz über und landen dann entsprechend auch im Duden. Das ist grundsätzlich gut so, sonst würden wir immer noch sprechen und schreiben wie im letzten Jahrhundert, und das will ja auch keiner.

Aber krachen? Was kommt als Nächstes? Comic-artige Geräuschblasen über dem Bildmaterial? Geräuschunterstützung im Radio – crash, boom, bang? Die Hauptnachrichten erklären, ein Lkw sei in ein Stauende gedonnert oder ein Räuber habe in einer Bank herumgeballert – und keiner findet die Wortwahl seltsam?

Ich glaube, ich werde alt. 😉

Zurück zur Oberleitung: Heute Morgen krachte in den Berichten interessanterweise nichts mehr, weder im Radio noch online. Eine Oberleitung sei auf den ICE gefallen, hieß es an der einen, gestürzt an der anderen Stelle. Geht doch.

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»Zwei Minuten für die Sprache« (2/2017): Monate

Den ersten Monat des neuen Jahres hätten wir schon mal geschafft. Zum Glück! Januare fühlen sich immer furchtbar lang an, finde ich.

Moment mal: Januare?! Ist das richtig?

Ich habe mich das nie gefragt, weil ich dazu neige, Monate auch in solchen Fällen im Singular zu nennen (»Der Januar fühlt sich immer lang an« ist ebenso verständlich und eindeutig). Aber man könnte ja mal in die Verlegenheit kommen, einen Monat in den Plural setzen zu müssen. Und wie geht das dann?

Monate, die auf -er enden, bleiben im Plural unverändert:

die September, die Oktober, die November, die Dezember

Juni und Juli bekommen ein s angehängt:

die Junis, die Julis

Alle übrigen Monate bilden den Plural auf -e, so fürchterlich das auch teilweise aussehen und klingen mag:

die Januare, die Februare, die Märze, die Aprile, die Maie, die Auguste

Und da wir gerade dabei sind: Wie ist es mit dem Genitiv, den man zum Beispiel braucht, um Tageszeiten von bestimmten Daten zu benennen? Der hat meistens keine Endung:

am Morgen des 3. Februar, am Abend des 7. Juni

Ein angehängtes s ist auch möglich, aber nicht sehr gängig. Laut grünem Duden* kommt es bei den Monaten, die auf -er enden, häufiger vor als bei den anderen. Wenn Sie hier aber die Grundform beibehalten, machen Sie nichts falsch.

_____

* „Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“, Band 9 der Duden-Reihe, Berlin 2016

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (1/2017): Anglizismen

Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich sehr dafür bin, Sprache bewusst zu verwenden. Vor allem das Englische beeinflusst unsere Sprache sehr und führt auch zu »neuen« Kreationen, von denen sich viele immer mehr verbreiten und einige vielleicht auch irgendwann im Duden ankommen. Schauen wir uns mal einige Beispiele an:

realisieren: Wenn jemand das Verb »realisieren« im Sinne von »begreifen« nutzt, heißt es oft, das sei doch eine falsche Übernahme aus dem Englischen. Tatsächlich ist die Bedeutung »erkennen, einsehen, begreifen« aber schon im Duden verzeichnet.

Expertise: Eine Expertise ist im Deutschen laut Duden (noch) ausschließlich ein Gutachten, aber kein Synonym für Fachwissen und/oder Erfahrung. Ich betone: noch. Denn die Verwendung im letzteren Sinne ist mittlerweile so verbreitet, dass sie vermutlich in einer der nächsten Auflagen enthalten sein wird.

ausrollen: Bis jetzt ist im Duden nur die wörtliche Bedeutung zu finden. Auch hier tippe ich aber inzwischen darauf, dass die Bedeutung des englischen »to roll out« über kurz oder lang im Duden stehen wird. Denn tatsächlich sagt »ausrollen« im Projektmanagement nicht genau dasselbe aus wie »umsetzen«, sondern beschreibt einen Prozess, in dem eine Neuerung nach und nach in verschiedenen Bereichen ankommt.

adressieren: Wir können Briefe und Pakete adressieren (also mit einer Adresse beschriften) oder auch (etwas veraltet) Worte an jemanden adressieren, aber keine Themen, Probleme oder Ähnliches. Die können wir ansprechen, thematisieren, ins Bewusstsein rücken, auf die Tagesordnung setzen … es gibt so viele Möglichkeiten!

Administration: Im Zuge der Präsidentenwahl in den USA war quer durch alle Medien wieder von der Administration die Rede, wenn die Regierung gemeint war. Ein klassischer Anglizismus: Im Deutschen ist Administration nichts anderes als Verwaltung, mit Regieren hat das Wort nichts zu tun.

Sie sehen: Sprache wandelt sich. Das ist grundsätzlich gut. Allerdings lohnt es sich immer, genau hinzuschauen, Entwicklungen zu beobachten und nicht alles unkritisch zu übernehmen. Tun wir das nicht, wird Sprache beliebig und verliert viel von ihrer Kraft.

 

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Apfelgriebsch, kalter Hund und das Gelbe vom Ei

Schon mehrfach – nämlich hier und hier – habe ich über den Atlas zur deutschen Alltagssprache berichtet, ein Projekt der Universität Salzburg, das sich schon seit 2003 mit der Kartierung von regional gebrauchten Begriffen beschäftigt. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Schriftdeutsch, sondern darum, wie Menschen in den verschiedenen Regionen des deutschen Sprachraums tatsächlich sprechen. Die abgefragten Begriffe und Redewendungen werden auf einer Landkarte markiert, sodass die Verteilung der unterschiedlichen Varianten ersichtlich wird.

Ich finde dieses Projekt sehr spannend: Zum einen wird mir dabei immer wieder bewusst, wie vielfältig die Alltagssprache ist; zum anderen erinnere ich mich an den Teil meiner Studienzeit, den ich in Stuttgart verbracht habe. Dort erntete ich nur fragende Blicke, wenn ich zum Beispiel von einem Feudel, einem Groschen (ja, die Studienzeit ist lange her), von Puschen oder davon sprach, dass jemand krüsch sei – Wörter, die hier im Norden völlig normal, 700 Kilometer südlich aber völlig unbekannt sind. Im Gegenzug lernte ich Begriffe wie Gutsle/Gutsla oder schleckig (das schwäbische Pendant zu krüsch).

Das Projekt geht mittlerweile in die 11. Runde, der Fragebogen dazu ist seit Kurzem online. Jede und jeder kann mitmachen – das Projektteam freut sich über rege Beteiligung!

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