»Zwei Minuten für die Sprache« (9/2022): Nachrichtensprache

Sprachliche Sorgfalt in Nachrichtentexten ist ein Thema, über das ich ein Jahr lang jeden Monat einen Newsletter schreiben könnte. Meist sind es nur einzelne Fehlgriffe, aber hin und wieder erkenne ich ein Muster, und um so eins geht es mir heute.

Vor allem in gesprochenen Nachrichten, also im Radio und im Fernsehen, hat sich eine sprachliche Struktur etabliert, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre: Dabei wird das Subjekt des Satzes erst genannt und direkt im Anschluss mit einem Demonstrativpronomen »wiederholt«. Zwei Beispiele:

Die Temperatur, die liegt morgen bei 20 Grad.
Der Bundeskanzler, der hat gestern gesagt: …

Das ist nicht im engeren Sinne falsch, aber unnötig: Ohne den rot markierten Teil ist die Aussage jeweils dieselbe, aber sie ist deutlich klarer. Auf mich wirkt diese Konstruktion immer so, als sei eine Seite (Sender oder Empfängerin, suchen Sie sich eine aus) schwer von Begriff. Informationen werden durch diesen Umweg nicht leichter verdaulich, die Formulierung ist einfach nur umständlicher, als sie sein müsste. Warum sich das trotzdem gerade so flächendeckend ausbreitet, ist mir ein Rätsel. Achten Sie mal drauf, und wenn Sie eine Idee zum Ursprung dieser Marotte haben, kommentieren Sie gern unten.

Wenn man Texte verfasst, die Informationen vermitteln sollen, ist man immer gut beraten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, also Unnötiges wegzulassen; inhaltlich ebenso wie sprachlich. Das gilt in den Nachrichten genauso wie in der Unternehmenskommunikation. Klare Sprache, klare Botschaft.

 

Dies ist die September-Ausgabe 2022 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


 

Kategorien: Allgemein, Wussten Sie schon, ...? Schlagwörter: , , . | Kommentieren |

14 Kommentare

  1. Markus Pössel
    Am 2. September 2022 um 09:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich assoziiere diese Art von Konstruktion insbesondere mit dem Sprachstil von „Der kleine Nick“. Dass sich das mal in Nachrichtensendungen etabliert hätte ich allerdings nicht gedacht.

    • Sprachpingel
      Am 2. September 2022 um 09:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

      »Der kleine Nick«? Interessant, da muss ich direkt mal wieder reinlesen … danke für den Hinweis!

  2. Frau VerWirth
    Am 2. September 2022 um 10:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Kenne ich aus dem Ruhrpott, da haben die Menschen oft mehr Wörter als Inhalte. Beim sprechen klingt das dann so: Also, die Temperatur, nä, die Temperatur (als solche) liegt morgen bei, sagen wir ma, 20 Grad, verstehst du, bei 20 Grad! Die Temperatur!
    Bekannt geworden ist diese Art zu sprechen übrigens auch durch Ditsche („Das wirklich wahre Leben“).

    • Sprachpingel
      Am 2. September 2022 um 10:13 Uhr veröffentlicht | Permalink

      :-D Richtig, im Ruhrpott spricht man so. Bei Dittsche – der ja nun durch und durch Hamburger ist – ist mir das noch nicht so aufgefallen, aber ich achte mal drauf!

  3. Frau VerWirth
    Am 2. September 2022 um 10:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Oh je – voll verschrieben – muss selbstverständlich „beim Sprechen“ heißen.

  4. Rudolf Niedermayer
    Am 2. September 2022 um 10:25 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wenn das Demonstativpronomen betont und dabei etwas in die Länge gezogen wird, kann dies durchaus zur Verdeutlichung beitragen, wenn damit ein Sachverhalt geschildert wird, der im Gegensatz zur Aussage im vorausgegangen Satz steht. Um Ihre Beispiele aufzugreifen:
    Das Wetter wird stürmisch. Die Temperatur (jedoch), die verändert sich kaum.
    Herr Merz sieht hier Handlungsbedarf. Der Bundeskanzler (allerdings), der bleibt dabei, dass…
    Sicher nicht notwendig, aber in der gesprochenen Nachricht auch nicht verkehrt, wirkt lebendiger, griffiger und nicht so nüchtern trocken.

    • Sprachpingel
      Am 2. September 2022 um 10:30 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Völlig richtig. Solche Fälle meinte ich hier aber nicht.

  5. Andreas Rauschenbach
    Am 2. September 2022 um 12:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich glaube, die Ursache ist ganz einfach die im Newsletter genannte: Die Menschen werden immer schlechter im Aufnehmen und Verarbeiten von Informationen. Die Denkpause dient dem Zweck, erst einmal zu verarbeiten: „Aha, es geht also jetzt um das Wetter oder den Bundeskanzler, um damit dann die nachfolgende Information zu verknüpfen.
    Aber stimmt schon, schön ist anders.

  6. Heinz
    Am 2. September 2022 um 12:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Bei Gesprochenem im Radio habe ich sofort Sendungen im Ohr, die mit verteilten Rollen moderiert werden:
    Ein Stichwortgeber sagt z.B. „Und das Wetter morgen?“, eine andere Person – mit im Studio oder zugeschaltet – führt dann was aus, nur noch nicht zur Temperatur. „Und die Temperatur?“ „Die fällt morgen auf 20 Grad.“ „Noch kurz zum Wind?“ „Der…“

    Ich nehme dies häufiger bei „Dudelfunk“-Sendern wahr. Soll wohl lebendiger, unterhaltsamer wirken.
    Irgendwann färbt das vielleicht auf das eigene Sprechen ab.

  7. Hans Fink
    Am 2. September 2022 um 13:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die Moderation der Nachrichtensendungen ist ja in den letzten Jahren recht locker geworden, was mir persönlich ganz gut gefällt. Dazu gehört dann auch ein Trend zur Umgangssprache, zum „gemütlichen Erzählstil“. Sehr deutlich wird das beim Wetter („die Temperatur, die wird …“). Im eigentlichen Nachrichtenteil würde mich eine Wendung wie „der Kanzler, der hat …“ überraschen, wohingegen ich mir so etwas in einem Kommentar, besonders als Stilmittel, gut vorstellen kann.

  8. Bian
    Am 2. September 2022 um 13:51 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Kann es sein, dass hier der Duktus der Leichten Sprache, die ja inzwischen auch in Nachrichtensendungen/-texten Verwendung findet, in die „Normalsprache“ zurückschwappt? In der Leichten Sprache werden Artikel und Relativanschlüsse auch oft betont („Olaf Scholz, das ist der Bundekanzler von Deutschland.“), Zusammenziehungen werden wieder aufgetrennt („am“ zu „an dem“ – wobei ich mich hier immer frage, was daran leichter zu verstehen ist). Es entsteht ein ähnlicher Duktus wie in den Beispielen oben.

  9. Michi
    Am 2. September 2022 um 16:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Möglicherweise hat es sich irgendein Berater ausgedacht, es als lebendigen Sprachstil verkauft und damit ein nettes Honorar aus dem Topf des Rundfunkbeitrags eingesackt. Ist aber reine Spekulation. Könnte auch aus der Fußballberichterstattung stammen.

  10. Anett
    Am 4. September 2022 um 12:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich habe diese Konstruktion auch schon im Englischen gehört. Das fand ich auch sehr irritierend.

  11. Klaus
    Am 5. September 2022 um 08:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich denke, dass das verstärkend wirken soll. Diese Verstärkungsform wurde während meiner Kindheit in Märchen und anderen Fantasiegeschichten angewendet. Ist in dem Zusammenhang vielleicht auch ein Rückschluss auf den Inhalt unserer heutigen Nachrichten erlaubt?

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