»Zwei Minuten für die Sprache« (11/2015): gewohnt oder gewöhnt?

An manche Dinge im Leben werde ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen: an Laubbläser zum Beispiel. Oder daran, dass man schon im August Lebkuchen in den Supermarktregalen findet. Dass ich aber jeden ersten Freitag im Monat einen Sprachtipp verschicke, das bin ich gewohnt.

Oder doch gewöhnt?

Da sind wir schon mittendrin im Thema: Wann heißt es eigentlich »gewohnt« und wann »gewöhnt«? Beim Reden komme ich da manchmal selbst ins Schleudern, dabei ist es (wie so oft) ganz einfach.

Man kann eine Sache gewohnt sein. Diese Sache steht grammatisch im Akkusativ, man fragt danach also mit „Wen oder was?«.

Ich bin (wen oder was?) das Treppensteigen gewohnt.

Man kann aber auch gewohnt sein, etwas zu tun.

Er ist [es] gewohnt, die Strecke zu Fuß zu gehen.

Gewöhnt ist dagegen richtig, wenn man dem Objekt der Gewöhnung mit der Frage »Woran?« auf die Spur kommt. Die Aussage enthält dann ein »daran« oder »an«:

Er ist daran gewöhnt, die Strecke zu Fuß zu gehen.
Habt ihr euch schon an die Zeitumstellung gewöhnt?

 

Dies ist die November-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


Kategorien: Allgemein, Wussten Sie schon, ...? und getaggt , , . | Kommentieren |

2 Kommentare

  1. Simon Hengel
    Am 6. November 2015 um 10:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vielen Dank für die Erläuterungen – die ich wie immer mit Gewinn gelesen habe.

    Allerdings beschäftigt mich jetzt die Frage, ob „Ich bin das Treppensteigen gewohnt.“ und „Ich bin an das Treppensteigen gewöhnt.“ ein Bedeutungsunterschied vorliegt. Oder sind beide Formen vielleicht synonym?

    • Sprachpingel
      Am 6. November 2015 um 10:46 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Der inhaltliche Unterschied ist höchstens eine Nuance, würde ich sagen: In der zweiten Variante klingt noch der Vorgang des Gewöhnens durch, in der ersten ist es eine abgeschlossene Sache. Im Ergebnis ist es aber dasselbe.

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