»Zwei Minuten für die Sprache« (06/2016): Bedarf und Nachfrage

Oft ist in den Nachrichten von Bedarf die Rede. Da geht es darum, dass es zu wenige Wohnungen gibt, dass Menschen mehr Vitamine brauchen oder dass in Deutschland oder woanders irgendetwas knapp ist.

Verstärkt stelle ich dabei in der letzten Zeit einen Fehler fest, der mir so vorher kaum untergekommen ist: Selbst in den großen Nachrichtensendungen ist von einem Bedarf nach etwas die Rede. Bedarf besteht aber grundsätzlich und ausschließlich an etwas (Bedarf an Wohnungen, Bedarf an Vitamin C).

Die Kombination von »Bedarf« mit »nach« gibt es nur in umgekehrter Reihenfolge und mit anderer Bedeutung: Man kann eine Suppe nach Bedarf salzen oder sich nach Bedarf mit Büchern für den Urlaub eindecken.

Vielleicht kommt es daher, dass so viele von einem »Bedarf nach etwas« sprechen; auch wenn es nicht erklärt, warum dieser Fehler in letzter Zeit verstärkt auftritt. Letzteres könnte auch am allgemein weniger sorgsamen Umgang der Medien mit der Sprache liegen.

Eine andere Idee: Der Fehler stammt aus einer inhaltlichen Vermengung mit »Nachfrage«, denn die kombiniert man korrekt mit »nach«.

Noch mehr Theorien? Ich bin gespannt auf Kommentare!

 

Dies ist die Juni-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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Kategorien: Allgemein, Wussten Sie schon, ...? und getaggt , , , . | Kommentieren |

6 Kommentare

  1. Riki Breitschwerdt
    Am 3. Juni 2016 um 11:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Liebe Frau Topka,
    das ist ja mal ein schöner Blog. Glückwunsch! Mich hat mein Bedürfnis nach Ablenkung direkt zu Ihrem Blog gespült. Und das wäre auch gleich meine Theorie zu Ihrer Frage: Man wirft einfach Bedarf und Bedürfnis zusammen. Was halten Sie davon?
    Viele Grüße

    • Sprachpingel
      Am 3. Juni 2016 um 12:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Viel halte ich davon – und sehr viele Leser/-innen haben diesen Vorschlag auch schon gemacht. Manchmal sieht man (in diesem Fall ich) den Wald vor lauter Bäumen nicht! :-)

      Danke auch für die Glückwünsche, freut mich, dass Ihnen mein Blog gefällt!

  2. mo jour
    Am 4. Juni 2016 um 13:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Liebe, sehr geehrte Frau Sprachpingel,
    ich lese in Ihrem wunderbaren Blog schon eine ganze Weile stumm mit, freue mich über und bin dankbar für jeden einzelnen Text hier.
    Auch ich liebe ‚meine‘ deutsche Sprache vor allem für die vielen Nuancen und Feinheiten, die sie im Ausdruck bietet.
    Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, diese Besonderheiten zu bewahren – nur scheint es in vielen Medien nur noch wenig Bedarf dafür (sic! auch ‚für‘ ist nach Bedarf erlaubt) zu geben.
    Und dies soll nun auch schon gleich meine thematische Ergänzung sein:
    Während der Duden Bedürfnis und Bedarf als Synonyme betrachtet, sehe ich den Unterschied darin, dass ein ‚Bedürfnis‘ eher ein individuelles Gefühl ist oder auch ein menschlicher Zustand, während es sich bei ‚Bedarfen‘ um etwas eher Abstraktes, Errechnetes, Statistisches allgemeiner materieller Art handelt.
    Beispiel:
    „Fast jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach sicherem Wohnraum, aber: in diesem Land gibt es einen großen Bedarf an bezahlbaren Wohnungen.“ – „Ein Staat hat keine Bedürfnisse, sondern er hat sich um die Bedarfe der Bevölkerung zu kümmmern.“
    Ich hoffe, ich bin nicht zu verschwurbelt und kommt in etwa an, wie ich das meine ;-)
    Beste Grüße!

    • Sprachpingel
      Am 4. Juni 2016 um 15:04 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Liebe Mo Jour, sehr klar kommt das an, viele Dank für den Kommentar! Ich stimme Ihnen vollkommen zu – als synonym empfinde ich „Bedürfnis“ und „Bedarf“ auch keinesfalls.
      Danke auch vielmals für die nette Rückmeldung zu meinem Blog, ich freu mich sehr!

  3. Hobbylektor
    Am 10. September 2016 um 14:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Liebe Frau Topka,

    ich lese Ihren Blog immer sehr gerne. V.a. die anschaulichen Erklärungen häufiger Fehler finde ich toll. Zu „Bedarf und Nachfrage“ würde mir spontan etwas anderes störend auffallen: Bedarf und Nachfrage sind zwar lt. Duden synonym, haben meiner Meinung nach aber leicht unterschiedliche Bedeutungen, die oft vermengt werden. „Bedarf“ ist für mich etwas objektiv messbares, das nur unter Inkaufnahme von größeren Nachteilen unterschritten werden kann. Z.B. Bedarf an Nahrung. „Nachfrage“ ist dagegen vom Preis abhängig. Wann immer ich lese, es gebe einen „Bedarf an x-tausend zusätzlichen Wohnungen“, dann denke ich an Planwirtschaft und an „Wünsch dir was“. Einen solchen Bedarf kann es nicht geben, solange es irgendwo anders leerstehende Wohnungen gibt. Aber es gibt eben keine Nachfrage nach alten Plattenbauwohnungen. Für lau würde natürlich jeder gerne nach München ziehen. Zu den dortigen Mieten dagegen weniger.

    Beste Grüße

    • Sprachpingel
      Am 11. September 2016 um 15:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Lieber Hobbylektor, danke für Ihre Überlegungen, denen ich zustimme!

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