»Zwei Minuten für die Sprache« im Juni: Jetzt wird’s kritisch

Gefühlt mindestens zweimal am Tag laufen sie mir über den Weg: die »kritischen Erfolgsfaktoren«.

Diese Kombination ist so verbreitet, dass kaum noch jemand merkt: Sie ist eigentlich ein Anglizismus. Im Englischen bedeutet »critical« unter anderem »entscheidend« im Sinne von »wichtig«, und genau das ist gemeint, wenn von einem »critical success factor« die Rede ist.

Im Deutschen aber heißt »kritisch« vor allem »prüfend und bewertend«, wobei diese Bewertung sowohl positiv als auch negativ ausfallen kann. In zweiter Bedeutung drückt »kritisch« eine starke Gefährdung aus (»Der Zustand des Patienten ist kritisch.«) oder kündigt eine Wende oder neue Entwicklung an, die dann aber auch eher negativ bzw. gefährlich ist.

Wer von »kritischen Erfolgsfaktoren« spricht, hat in meinen Augen allzu unkritisch aus dem Englischen übernommen, denn er meint in der Regel die Faktoren, die vorhanden oder erfüllt sein müssen, damit der Plan aufgeht. Man kann sich natürlich mit etwas Gezerre und gutem Willen die deutsche Bedeutung von »kritisch« so hinbiegen, dass sie für diesen Fall passt. Viel einfacher und vor allem klarer ist es aber, schlicht und einfach von »entscheidenden Erfolgsfaktoren« zu sprechen.

 

Dies ist die Juni-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke. Zur Anmeldung geht es hier.


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2 Kommentare

  1. Craig Meulen
    Am 7. Juni 2014 um 10:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Sind Sie sicher? Aus der naturwissenschaftlichen Ecke gibt’s „kritische Masse“ und „Kritikalität“ auch auf Deutsch – daher vermute ich, der Ausdruck „kritische Erfolgsfaktoren“ lässt sich so doch begründen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kritikalit%C3%A4t

    • Sprachpingel
      Am 7. Juni 2014 um 18:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Wie geschrieben: Man kann sich aus den verschiedenen Bedeutungen von »kritisch« durchaus etwas zurechtbasteln, das auch den Gebrauch im Zusammenhang mit Erfolgsfaktoren rechtfertigt. Da die Entwicklungsrichtung in den Bedeutungsdefinitionen zum Negativen geht, erscheint mir das aber nicht befriedigend, schließlich ist Erfolg die positive Richtung, und da ist »entscheidend« viel klarer.

      Was die kritische Masse angeht: Kernphysik ist nicht meine Baustelle :-) Dort hat »kritisch« noch eine weitergehende Bedeutung, die sich aber nicht in die Alltags- bzw. Geschäftskommunikation übertragen lässt (wer nachlesen möchte: https://de.wikipedia.org/wiki/Kritische_Masse ). In dem Eintrag zur Kritikalität heißt es ja sogar: »Der kritische Zustand ist der Normalzustand eines Kernreaktors (…)« (Hervorhebung von mir).

      Die Definition der »kritischen Masse« aus der Spieltheorie entspricht der Bedeutung von »kritisch« im Zusammenhang mit Erfolgsfaktoren – in der Spieltheorie ist sie etabliert, allerdings vermute ich auch dort den Ursprung in einer vorschnellen Übernahme aus dem Englischen.

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