»Zwei Minuten für die Sprache« (7/2020): wundern

»Es verwundert nicht, dass …«: Diese Formulierung kommt mir beim Lektorieren ziemlich oft unter. In ihr sind zwei Formen gemischt, die zwar inhaltlich ähnlich sind, grammatisch aber gar nicht so viel miteinander zu tun haben. Schauen wir mal genauer hin.

Da wäre zunächst das Verb »wundern«. Es bezieht sich immer auf eine Person: Jemand kann sich wundern, zum Beispiel über eine andere Person oder über einen Sachverhalt. Genauso kann auch etwas jemanden (Akkusativ) wundern. Entsprechende Aussagen können zum Beispiel so lauten:

Ich wundere mich, dass es noch immer keine Neuigkeiten gibt.
Es wundert mich, dass du noch nicht losgegangen bist.

Möglich ist auch »verwundern«, ebenfalls mit persönlichem Bezug (»Es verwundert mich nicht, dass es nicht funktioniert.«; »Ich habe mich sehr über dein Verhalten verwundert.«). Allerdings klingt diese Variante gestelzt und auch etwas antiquiert. Da die Vorsilbe »ver-« außerdem keinen inhaltlichen Mehrwert zu »wundern« bietet, können Sie sie auch gleich weglassen.

Ist die Aussage allgemeiner, hat sie also keinen Bezug zu einer bestimmten Person, wird aus dem Verb »wundern« das Adjektiv »verwunderlich«. Ein Adjektiv beschreibt keine Tätigkeit, sondern einen Zustand:

Es ist nicht verwunderlich, dass ich so müde bin.

Die Formulierung im ersten Absatz (»Es verwundert nicht, dass …«) ist eine Mischform aus diesen Varianten, und die ist falsch.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der Duden unter dem Stichwort »verwundern« noch das Beispiel »Es ist nicht zu verwundern« anführt. Dieser Gebrauch ist mir noch nie begegnet; ich vermute, dass es sich um eine veraltete Wendung handelt.

 

Dies ist die Juli-Ausgabe 2020 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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