»Zwei Minuten für die Sprache« (1/2017): Anglizismen

Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich sehr dafür bin, Sprache bewusst zu verwenden. Vor allem das Englische beeinflusst unsere Sprache sehr und führt auch zu »neuen« Kreationen, von denen sich viele immer mehr verbreiten und einige vielleicht auch irgendwann im Duden ankommen. Schauen wir uns mal einige Beispiele an:

realisieren: Wenn jemand das Verb »realisieren« im Sinne von »begreifen« nutzt, heißt es oft, das sei doch eine falsche Übernahme aus dem Englischen. Tatsächlich ist die Bedeutung »erkennen, einsehen, begreifen« aber schon im Duden verzeichnet.

Expertise: Eine Expertise ist im Deutschen laut Duden (noch) ausschließlich ein Gutachten, aber kein Synonym für Fachwissen und/oder Erfahrung. Ich betone: noch. Denn die Verwendung im letzteren Sinne ist mittlerweile so verbreitet, dass sie vermutlich in einer der nächsten Auflagen enthalten sein wird.

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Update 20.09.2017:
Meine Fähigkeiten als Orakel sind gar nicht mal schlecht – siehe hier.
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ausrollen: Bis jetzt ist im Duden nur die wörtliche Bedeutung zu finden. Auch hier tippe ich aber inzwischen darauf, dass die Bedeutung des englischen »to roll out« über kurz oder lang im Duden stehen wird. Denn tatsächlich sagt »ausrollen« im Projektmanagement nicht genau dasselbe aus wie »umsetzen«, sondern beschreibt einen Prozess, in dem eine Neuerung nach und nach in verschiedenen Bereichen ankommt.

adressieren: Wir können Briefe und Pakete adressieren (also mit einer Adresse beschriften) oder auch (etwas veraltet) Worte an jemanden adressieren, aber keine Themen, Probleme oder Ähnliches. Die können wir ansprechen, thematisieren, ins Bewusstsein rücken, auf die Tagesordnung setzen … es gibt so viele Möglichkeiten!

Administration: Im Zuge der Präsidentenwahl in den USA war quer durch alle Medien wieder von der Administration die Rede, wenn die Regierung gemeint war. Ein klassischer Anglizismus: Im Deutschen ist Administration nichts anderes als Verwaltung, mit Regieren hat das Wort nichts zu tun.

Sie sehen: Sprache wandelt sich. Das ist grundsätzlich gut. Allerdings lohnt es sich immer, genau hinzuschauen, Entwicklungen zu beobachten und nicht alles unkritisch zu übernehmen. Tun wir das nicht, wird Sprache beliebig und verliert viel von ihrer Kraft.

 

Dies ist die Januar-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
Mehr Infos dazu finden Sie hier.


Kategorien: Allgemein, Wussten Sie schon, ...? und getaggt , , . | Kommentieren |

2 Kommentare

  1. Am 7. Januar 2017 um 13:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Liebe, sehr geehrte Frau Sprachpingel!
    Ich liebe Ihre Feinheiten. Sie helfen mir immer wieder, achtsam zu bleiben im Umgang auch mit der eigenen Sprache, denn – wie Silvia Wetzel zu Recht sagt: „Worte wirken Wunder“.
    Ihnen ein gutes gesundes erfolgreiches Neues Jahr 2017!
    Sehr von Herzen
    mo jour

    • Sprachpingel
      Am 11. Januar 2017 um 09:55 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Liebe mo jour, vielen Dank für die Blumen, ich freue mich! Ihnen auch ein wunderbares neues Jahr. Herzliche Grüße zurück!

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