»Zwei Minuten für die Sprache« im Mai: Wörter und Worte

Sagen Sie mal ganz spontan: Wie lautet die Mehrzahl von »Wort«?

Wenn Sie jetzt »Wörter« gesagt haben, liegen Sie richtig. Wenn Ihre Antwort »Worte« war, haben Sie ebenfalls recht. Beide Pluralformen sind richtig, aber sie sind nicht gleichwertig. Und das hat nichts mit Sprachstil zu tun, nichts mit Alltags- und gehobener Sprache. Der Unterschied ist inhaltlicher Natur.

Der Plural »Wörter« bezeichnet mehrere einzelne, aber jeweils für sich stehende Begriffe: Einzelwörter, Tätigkeitswörter, Fremdwörter, Schimpfwörter, ein Nachschlagewerk mit soundso vielen Stichwörtern.

Wenn umfangreichere Äußerungen, Aussprüche, Erklärungen oder Reden gemeint sind, die mit dem Plural von »Wort« bezeichnet werden sollen, ist »Worte« richtig:

Er wählte seine Worte mit Bedacht.
Viele Zitate von Wilhelm Busch sind geflügelte Worte.
Zum Abschied gibt es einen Händedruck und ein paar warme Worte.

Der Plural von »Sprichwort« heißt übrigens »Sprichwörter« und nicht »Sprichworte«, wie man vielleicht meinen könnte. Ein Sprichwort ist eine feste Einheit, unabhängig davon, welche Person es wann und wo ausspricht. Diese Einheit bleibt immer gleich, deshalb wird der Plural hier gebildet wie bei den Einzelwörtern. Anders ist es zum Beispiel bei einem Grußwort: Dessen Plural lautet »Grußworte«.

 

Dies ist die Mai-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich an jedem ersten Freitag im Monat per Mail verschicke. Mehr Infos dazu gibt es hier.

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4 Kommentare

  1. Sabine
    Am 5. Mai 2013 um 11:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wir hatten neulich die Diskussion, ob es vergessene Worte oder vergessene Wörter heißen muss. Was sagt der Sprachpingel dazu?

    • Sprachpingel
      Am 5. Mai 2013 um 12:51 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Das kommt drauf an, ob einzelne Wörter gemeint sind oder Zitate und Aussprüche. Im letzteren Fall wären es »vergessene Worte«. Wenn sowohl Einzelwörter als auch Zitate gemeint sind (also z. B. eine Sammlung), wäre streng genommen wohl nur »vergessene Wörter und Worte« korrekt, obwohl das ziemlich doof klingt.

  2. Simon
    Am 18. Februar 2015 um 21:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    „Vor dem Essen möchte ich noch ein paar Worte sagen. Hier sind sie: Schwachkopf. Schwabbelspeck. Krimskrams. Quiek.“

    Na großartig. Dann wären diese Worte des Herrn Professore Dumbledore – entnommen dem ersten Band der Harry-Potter-Saga und zitiert nach dem Gedächtnis meines Elfjährigen – also gar keine solchen, sondern vielmehr nur Wörter, die Passage mithin kaum angemessen aus dem englischen Original ins Deutsche übertragbar?

    Ganz toll, liebe Frau Topka. Das war auch eine meiner Lieblingsstellen. Und wie ich das dem Kind nun schonend beibringen soll, ist mir schleierhaft. :-(

    • Sprachpingel
      Am 19. Februar 2015 um 10:28 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Autsch, ja: Das ist tatsächlich eine Stelle, die schwer angemessen und sprachlich korrekt zu übertragen ist. Da sieht man doch mal wieder, dass Übersetzen mehr ist, als einfach nur Wörter – oder auch Worte – von einer Sprache in die andere zu übertragen! Lassen Sie Ihrem Elfjährigen doch die Freude am Buch, so wie es ist. Später findet er es vielleicht mal gut, es besser zu wissen – aber das hat noch Zeit.

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