Unwort des Jahres 2012: Opfer-Abo

Heute wurde an der TU Darmstadt das Unwort des Jahres 2012 bekannt gegeben. Es wird seit 1994 von einer institutionell unabhängigen Jury ausgewählt (zuvor von der Gesellschaft für deutsche Sprache GfdS). Auf der Liste der Anwärter standen Begriffe wie »Schlecker-Frauen«, »Anschlussververwendung« oder »moderne Tierhaltung« – Begriffe also, die einem bei halbwegs regelmäßiger Lektüre der aktuellen Nachrichten zumindest schon einmal untergekommen sein dürften.

Zur allgemeinen Überraschung verlieh die Jury den Titel aber an den Ausdruck »Opfer-Abo«. Wie bitte? In einem Interview hatte Jörg Kachelmann diesen Begriff benutzt und damit, so die Jury, Frauen pauschal unter den Verdacht gestellt, sie würden Anschuldigungen (z. B. sexueller Gewalt) erfinden, um ihre Interessen durchzusetzen. Der Begriff verletze nicht zuletzt die Würde der tatsächlichen Opfer. Die ausführliche Begründung findet sich in der Pressemitteilung der Jury (PDF). Die allgemeinen Kriterien der Jury für ein Unwort des Jahres sind hier nachzulesen. Auf deren Basis ist die Wahl nachvollziehbar.

Was mich aber wundert, ist die Tatsache, dass hier ein Begriff gekürt wird, der in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Anders als bei der Wahl zum Wort des Jahres (durch die GfdS), bei der es ausdrücklich um Wörter und Ausdrücke geht, »die die öffentliche Diskussion des betreffenden Jahres besonders bestimmt haben, die für wichtige Themen stehen oder sonst als charakteristisch erscheinen«, spielt dieser Aspekt hier offenbar keine Rolle. Aber kommt es nicht gerade darauf an? Wörter und Unwörter des Jahres haben zumindest bisher Ereignisse und Entwicklungen und deren Niederschlag in der Sprache dokumentiert; dazu gehört auch, dass mehr als ein(ige) Mensch(en) ihn benutzt hat/haben und dass er ein breites und lang anhaltendes Echo in den Medien gefunden hat.

Das aber trifft auf »Opfer-Abo« nicht zu.  Der Begriff erfüllt die Kriterien, die die Jury definiert hat. Dass viele ihn bisher nicht kannten, macht ihn nicht weniger unmöglich; der Kategorie »Unwort« stimme ich durchaus zu. Den Zusatz »des Jahres« allerdings hätten für mich andere Begriffe (mehr) verdient.

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