Wie ist eigentlich die weibliche Form von »Gast«?

Die Bemühungen um Gleichberechtigung in der Sprache nehmen zuweilen bizarre Formen an. Während Anreden wie »Sehr geehrte Damen und Herren« und die Ansprache von »Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern« inzwischen selbstverständlich sind und zum guten Umgangston gehören, schießt der eine oder die andere auch gern mal übers Ziel hinaus.

So verfolgte ich kürzlich eine Diskussion in einem Online-Forum: Es ging um die Frage, wie man den Begriff »Mitglied« korrekt anzuwenden habe, um niemandem auf die Füße zu treten. Kaum war diese Frage online, stand – teils ironisch, teils aber auch ernsthaft vorgebracht – das Wort »Mitgliederinnen« im virtuellen Raum. Dabei ist »das Mitglied« als Begriff geschlechtsneutral, womit »Liebe Mitglieder« Männer und Frauen gleichermaßen anspricht und politisch vollkommen korrekt ist. Die Plural-Endung auf -er jedoch scheint in sehr vielen Köpfen einen überempfindlichen Gleichberechtigungssensor zu aktivieren.

Ähnlich verhält es sich mit »Menschen« und »Gästen«: »Menschen« umfasst sowohl Männlein als auch Weiblein, und auch eine Frau ist auf einer Feier ein Gast und nicht etwa eine Gästin. Dass der Begriff in beiden Fällen den maskulinen Artikel trägt, mag zwar manche(r) als unpassend empfinden, es hat aber in diesem Fall keine gesellschaftspolitische Relevanz.

Nur damit wir uns nicht missverstehen:

Wenn beide Geschlechter angesprochen sind und zwei unterschiedliche Formen existieren, sollten in der direkten Ansprache von Personengruppen auch immer beide verwendet werden. Wenn der Text nicht der direkten Ansprache dient, macht die konsequente Nennung beider Geschlechter ihn häufig zu einer sehr sperrigen Angelegenheit. Als Zugeständnis ist es deshalb mittlerweile sehr verbreitet, am Anfang einen Hinweis zu platzieren, dass man aus Gründen der Lesbarkeit darauf verzichtet, beide Formen zu nennen – dass aber gedanklich beide Geschlechter einbezogen sind. Mir persönlich ist diese Variante näher, weil ich Texte gern straff, klar und verständlich habe.

Öffentliche Institutionen gehen den Weg des konsequenten Genderns in der Regel trotzdem, weil sie entsprechende Grundsatzentscheidungen getroffen haben. Dabei lässt sich aber manchmal eine neutrale Form finden, die beide Geschlechter umfasst, zum Beispiel »Lehrkräfte« für »Lehrerinnen und Lehrer« oder »Studierende« für »Studentinnen und Studenten«. Mit etwas Geschick kann man also hier auch noch etwas von der Sperrigkeit herausnehmen.

 

(Dieser Text erschien in kürzerer Form vor einiger Zeit in der Newsletter-Reihe »Zwei Minuten für die Sprache«. Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.)

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2 Kommentare

  1. Sybille Thiele
    Am 4. Januar 2013 um 09:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich mag den Comic von Uli Stein sehr gern, in dem er es auf die Spitze treibt und das Kasperle im Puppentheater die Kinder wie folgt begrüßen lässt:

    „Hallo liebe Kinder und Kinderinnen…“

Ein Trackback

  • Von Die große Gängelmaschine | Pyrolirium am 24. Oktober 2012 um 13:33 Uhr veröffentlicht

    […] Gendersprache und über Gästinnen und Mitgliederinnen hat die unnachahmliche Sprachpingel gerade hier […]

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