»Zwei Minuten für die Sprache« (12/2022): zunächst unbekannt

Zur September-Ausgabe der »Zwei Minuten«, in der es um Nachrichtensprache ging, habe ich viele Rückmeldungen bekommen. Ein Leser schrieb, er stolpere häufig über die folgende Wendung:

Über XY war zunächst nichts bekannt.

XY ist dann zum Beispiel die Ursache eines Unfalls oder eines Brandes. Der Leser schrieb: »Für mich impliziert diese Aussage, dass sich das zwischenzeitlich geändert hat.«

Stimmt: Das Adverb »zunächst« in einem rückblickenden Satz bedeutet, dass etwas als Erstes geschehen ist, danach aber etwas anderes, das ebenfalls bereits bekannt ist. Aus den Meldungen, die diese Formulierung enthalten, geht aber meist nicht hervor, dass schon weitere Informationen vorliegen; oft steht dieser Satz am Ende.

Dann aber ist die Formulierung mindestens unpräzise. Besser wäre zum Beispiel »… ist bisher/bislang nichts bekannt. Wichtig ist auch, dass der Satz im Präsens steht (»ist … nichts bekannt«), nicht im Imperfekt (»war«). Denn die rückblickende Formulierung verstärkt den Eindruck, dass sich ja in der Zwischenzeit etwas Neues ergeben haben könnte.

Dass sich »war zunächst nichts bekannt« noch ausrotten lässt, bezweifle ich allerdings. In der Regel verstehen wir ja, wie es gemeint ist, und in ein paar Jahren wird wahrscheinlich auch schon niemand mehr finden, dass die Formulierung schief ist.

 

Dies ist die Dezember-Ausgabe 2022 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache« (11/2022): Passiv bei reflexiven Verben, yay or nay?

Mit wissenschaftlichen Texten habe ich in meiner Lektoratstätigkeit selten zu tun. Nun wies mich eine Leserin auf ein Phänomen hin, das in diesem Bereich offenbar stark verbreitet ist: das Passiv bei reflexiv verwendeten Verben.

Worum geht es? Manche Verben benötigen ein Akkusativobjekt, das also auf die Frage „wen oder was?“ antwortet. Ist dieses Akkusativobjekt eine Sache oder eine andere Person, nennt man das Verb transitiv; ist es die handelnde Person selbst, spricht man von einem reflexiven Gebrauch. Ein Beispiel:

transitiv: Er betrachtet (wen oder was?) das Gemälde.
reflexiv: Er betrachtet (wen oder was?) sich im Spiegel.

Grundsätzlich lassen sich beide Formen auch ins Passiv setzen (Das Gemälde wird von ihm betrachtet. Er wird von sich selbst betrachtet.). Sie merken im zweiten Fall aber: Das knirscht. Tatsächlich herrschte lange Zeit breiter Konsens darüber, dass man reflexive Verben nicht passiv gebraucht.

Inzwischen scheint sich diese Form aber gerade in der Wissenschaft immer mehr durchzusetzen: »In dieser Master-Arbeit wird sich bezogen auf …« oder »In der Studie wird sich befasst mit …«. Sprachaffinen Menschen rollen sich da die Fußnägel hoch. Dass die Ich- bzw. die Wir-Form in solchen Publikationen unerwünscht ist, lasse ich als Grund für solche Verrenkungen nicht gelten, denn die 3. Person bietet einen aktiven Ausweg: »Die Autorin bezieht sich in dieser Arbeit auf …«, »Die Studie befasst sich mit …«.

Wer seine Leserinnen und Leser nicht einschläfern möchte, ist aber auch ganz unabhängig von Thema und Kontext gut beraten, passive Formulierungen so sparsam wie möglich zu verwenden.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (10/2022): bewusst vs. wissentlich

Vor einiger Zeit fragte mich jemand, ob es einen Unterschied zwischen »bewusst« und »wissentlich« gebe. Den gibt es, dachte ich sofort. Als ich anfing, diesen Unterschied zu erklären, merkte ich erst, wie fein er ist und wie genau man aufpassen muss.

Befragt man ein Synonymwörterbuch, hat man auf Anhieb den Eindruck, dass »bewusst« und »wissentlich« beliebig gegeneinander austauschbar sind: Da wird eins als Synonym des anderen angegeben, jeweils zusammen mit einer Reihe weiterer Begriffe. Aber Synonymlexika liefern nur Anhaltspunkte, sozusagen Bedeutungsgegenden, keine exakten Treffer.

Wer etwas bewusst tut, handelt mit Absicht (»bewusst lügen/täuschen«); man kann auch etwas bewusst erleben, es also klar erkennen und geistig wach sein. Oder man ist von etwas überzeugt, wie es in »bewusst leben« oder »ein bewusster Anhänger sein« zum Ausdruck kommt.

Wer dagegen wissentlich handelt, tut dies laut Duden »in vollem Bewusstsein der negativen Auswirkung«. Da fehlt zumindest ein Teil des Vorsatzes oder des eigenen Anteils, der in »bewusst« steckt. Macht eine Person wissentlich falsche Angaben, bedeutet das erst einmal nur: Sie weiß, dass diese Angaben nicht der Wahrheit entsprechen. Wer aber bewusstfalsche Angaben macht, lügt absichtlich und aus eigenem Antrieb, verfolgt damit also einen Zweck. Die beiden Sachverhalte können, müssen aber nicht deckungsgleich sein.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (9/2022): Nachrichtensprache

Sprachliche Sorgfalt in Nachrichtentexten ist ein Thema, über das ich ein Jahr lang jeden Monat einen Newsletter schreiben könnte. Meist sind es nur einzelne Fehlgriffe, aber hin und wieder erkenne ich ein Muster, und um so eins geht es mir heute.

Vor allem in gesprochenen Nachrichten, also im Radio und im Fernsehen, hat sich eine sprachliche Struktur etabliert, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre: Dabei wird das Subjekt des Satzes erst genannt und direkt im Anschluss mit einem Demonstrativpronomen »wiederholt«. Zwei Beispiele:

Die Temperatur, die liegt morgen bei 20 Grad.
Der Bundeskanzler, der hat gestern gesagt: …

Das ist nicht im engeren Sinne falsch, aber unnötig: Ohne den rot markierten Teil ist die Aussage jeweils dieselbe, aber sie ist deutlich klarer. Auf mich wirkt diese Konstruktion immer so, als sei eine Seite (Sender oder Empfängerin, suchen Sie sich eine aus) schwer von Begriff. Informationen werden durch diesen Umweg nicht leichter verdaulich, die Formulierung ist einfach nur umständlicher, als sie sein müsste. Warum sich das trotzdem gerade so flächendeckend ausbreitet, ist mir ein Rätsel. Achten Sie mal drauf, und wenn Sie eine Idee zum Ursprung dieser Marotte haben, kommentieren Sie gern unten.

Wenn man Texte verfasst, die Informationen vermitteln sollen, ist man immer gut beraten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, also Unnötiges wegzulassen; inhaltlich ebenso wie sprachlich. Das gilt in den Nachrichten genauso wie in der Unternehmenskommunikation. Klare Sprache, klare Botschaft.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (8/2022): beispielhaft

Kürzlich legte mir ein Leser der »Zwei Minuten« als Vorschlag für eine weitere Ausgabe folgenden Satz aus einem Supermarkt-Prospekt vor:

Der Nutri-Score-Wert auf dem Produktbild ist beispielhaft und kann
vom tatsächlichen Wert abweichen.

Wären Sie darüber gefallen, was hier falsch ist? Es geht um das Adjektiv »beispielhaft«, das in diesem Satz ausdrücken soll, dass der abgebildete Wert willkürlich gewählt und nur ein Beispiel ist. In dieser Konstruktion ist es allerdings die falsche Wahl.

Denn das Beispiel in »beispielhaft« ist nicht irgendeins. In diesem besonderen Begriff ist es als Synonym für »Vorbild« zu verstehen: Was beispielhaft ist, ist mustergültig, nachahmenswert, wie in der Wendung »Nimm dir ein Beispiel!«. Und das passt auf den Satz aus dem Prospekt nicht.

Nun muss ich zugeben: Während mir der Fehler in dem Nutri-Score-Satz sofort ins Auge sprang, wäre ich über Formulierungen wie »Die Grafik zeigt beispielhaft, dass …« nicht unbedingt beim ersten Lesen gestolpert. Oder wenn, dann aus anderem Grund: Ich hätte »beispielhaft« wahrscheinlich gestrichen, weil es dort unnötig ist.

Ich vermute, dass zwischen »beispielhaft sein« (Adjektiv) und Formulierungen wie »etwas beispielhaft zeigen« (Adverb) ein Gewöhnungsunterschied liegt. Letztere Verwendung ist schon lange so verbreitet, dass sie uns heute kaum noch falsch vorkommt. Das ist meist ein sicheres Zeichen dafür, dass der Duden-Verlag schon bald den Eintrag entsprechend ergänzen wird. Noch ist das aber nicht passiert; besser wäre also etwas wie »Die Grafik zeigt [an einem Beispiel] …« oder »Die Grafik illustriert …«.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (7/2022): seit oder vor?

In einem Zeitungsartikel las ich diese Woche Folgendes:

»Seit einigen Monaten hat das Projekt begonnen.«

Dieser Satz enthält einen Fehler, der sehr häufig vorkommt, vielen aber gar nicht auffällt, weder beim Schreiben noch beim Lesen. Haben Sie ihn entdeckt?

Wenn man rückblickend über Ereignisse berichtet, die bis heute andauern, ist es immer gut, genau hinzuschauen: Bezieht sich die Aussage auf einen Zeitraum oder einen Zeitpunkt? Davon hängt nämlich ab, ob »seit« die richtige Präposition ist oder ob es »vor« heißen muss.

»Seit« ist immer dann richtig, wenn man einen Zeitraum beschreibt, der bis heute und womöglich darüber hinaus andauert. Tatsächlich geht es im Beispielsatz oben ja um ein Projekt, also eine längerfristige Angelegenheit: Schon jetzt läuft es mehrere Monate. Und trotzdem muss es dort »vor« heißen.

Denn wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie, dass sich die Aussage gar nicht auf das Projekt als Ganzes bezieht, sondern nur auf dessen Beginn. Und das ist ein in der Vergangenheit abgeschlossener Zeitpunkt, schließlich ist so ein Startschuss nicht monatelang zu hören. Je nachdem, worauf der Fokus liegen soll, können Sie im Beispielsatz also entweder die Präposition austauschen oder das Verb einschließlich Zeitform ändern, um eine sprachlich korrekte Aussage zu bekommen:

»Vor einigen Monaten hat das Projekt begonnen.«
»Seit einigen Monaten läuft das Projekt.«

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (6/2022): idealerweise vs. bestenfalls

Kürzlich sagte ein Fernseh-Koch, man solle für die Zubereitung des vorgestellten Gerichts bestenfalls Rapsöl verwenden. Obwohl ich mich kein bisschen für Kochsendungen interessiere, merkte ich auf, denn was er meinte, war idealerweise. Weil mir diese Verwechslung schon häufiger aufgefallen ist, schauen wir uns den Unterschied doch mal genauer an.

Das Adverb »idealerweise« beschreibt, wie etwas sein oder sich entwickeln könnte, wenn alle Umstände günstig sind und alles so richtig gut läuft, sprich: den Idealfall. Bezogen auf das Beispiel aus der Kochsendung hieße das: Wenn Sie Rapsöl im Haus haben, nehmen Sie das. Oder wenn Sie noch Zeit zum Einkaufen haben und es nicht gerade Sonntag ist: Kaufen Sie welches. Denn das Gericht gelingt am besten, wenn Sie für die Zubereitung Rapsöl verwenden.

Auch »bestenfalls« beschreibt einen günstigsten Fall, hat aber eine andere Ausgangsbasis: Hier geht es darum, was angesichts bereits gegebener widriger Umstände noch möglich ist. Im Koch-Beispiel: Eigentlich sollten Sie Kürbiskernöl nehmen, es gibt aber gerade keins. Der Koch würde Ihnen nun raten, lieber etwas anderes zu essen, denn mit allen anderen Ölen gelingt dieses Rezept nicht. Wenn Sie aber Ihre Pläne partout nicht ändern wollen, könnte es vielleicht mit Rapsöl noch was werden. Wenn überhaupt. Also: bestenfalls.

Sowohl »bestenfalls« als auch »idealerweise« beschreiben also einen maximal erreichbaren Zustand, gehen aber von unterschiedlichen Voraussetzungen aus.

(Die Küchenprofis unter Ihnen mögen mir verzeihen, falls das Beispiel inhaltlich schief ist. Ich habe keine Ahnung, ob man Kürbiskernöl wirklich durch Rapsöl ersetzen könnte.)

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (5/2022): Kausalitäten

Eins führt zum anderen: Kausale Zusammenhänge kann man auf viele Arten ausdrücken. Dabei kommen kausale Präpositionen zum Einsatz, und von denen gibt es viele; »aufgrund«, »durch« und »wegen« sind nur drei davon.

Wo die Auswahl groß ist, kommt man leicht durcheinander. So lese ich oft »durch«, wo es gar nicht korrekt ist. Zwei Beispiele aus den Nachrichten der vergangenen Monate:

Durch den relativ kleinen Heimmarkt werden finnische Unternehmen das Ausland als Absatzmarkt nutzen.
Durch die Pandemie haben viele von uns auf Flugreisen verzichtet.

Beide Sätze drücken aus, dass ein Sachverhalt/Ereignis zu etwas geführt hat. Allerdings ist »durch« nur richtig, wenn der Zusammenhang unmittelbar ist. Ein Beispiel: »Durch die Flut wurden viele Häuser stark beschädigt.«

In den beiden Sätzen oben bildet aber ein Sachverhalt bzw. ein Ereignis die Grundlage dafür, dass ein Verhalten geändert wird; der Zusammenhang ist also mittelbar. In diesen Fällen ist »aufgrund« die richtige Wahl, gefolgt von einem Ausdruck im Genitiv: »Aufgrund des relativ kleinen Heimmarkts …«, »Aufgrund der Pandemie …«.

Wenn der zeitliche Zusammenhang unerheblich ist, ist neben »aufgrund« auch »wegen« möglich, auf das ebenfalls ein Genitiv folgt: Man kann zum Beispiel jemanden wegen seiner durchgehend fundierten Äußerungen für kompetent halten. Je nach Kontext wäre »wegen« in der Aussage über die finnischen Unternehmen oben gegebenenfalls auch eine gute Wahl.

Der Vollständigkeit halber: Es gibt noch viele weitere kausale Präpositionen, zum Beispiel »infolge« oder »zufolge«, die wieder eigene Besonderheiten haben. Sie alle in einer Ausgabe zu erklären, würde aber den Rahmen der »Zwei Minuten« sprengen. Bei Gelegenheit komme ich darauf zurück.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (4/2022): Und was ist mit »lila«?

Nach der letzten Ausgabe, in der es um Farben ging, fragten viele von Ihnen nach, warum ich gar nichts darüber geschrieben hätte, wie man »lila«, »rosa«, »orange« oder »beige« korrekt flektiert. Ganz einfach: Der Name »Zwei Minuten für die Sprache« ist Programm. Hier also nun die zweite Portion Buntes.

Ist »ein rosanes T-Shirt«, »eine lilane Jacke« oder »ein oranges Hemd« korrektes Deutsch? Auch wenn es Ihnen und mir nicht gefällt: Die Antwort ist ein beherztes Jein.

Früher gab es die klare Regel, dass diese Farbbezeichnungen, die auf Substantive aus anderen Sprachen zurückgehen, nicht flektiert werden. Weil aber weder »ein beige Mantel« noch »ein orange Hemd« oder »eine lila Hose« so richtig rund klingen will, bog sich der Sprachgebrauch einiges zurecht. Eine einheitliche neue Regel ist daraus bislang aber leider nicht hervorgegangen.

In der Schule habe ich noch gelernt, dass man sich in diesen Fällen mit Zusätzen behilft (»-farben« oder »-farbig«). Tatsächlich klingen »ein beigefarbener Mantel« und »eine lilafarbene Hose« besser, und diese Formen sind auch nach wie vor korrekt. Wenn Sie also unsicher sind, können Sie immer diesen Weg wählen.

In der Umgangssprache regen »eine rosane Brille«, »eine lilane Blume«, »ein oranger Mülleimer« und »ein beiger Hut« schon lange niemanden mehr auf. Wer schriftlich kommuniziert, sollte aber die Einschätzung der Duden-Redaktion zumindest kennen: Demnach bleiben »rosa« und »lila« tatsächlich immer unflektiert (bzw. werden bei Bedarf durch »-farben« oder »-farbig« ergänzt), während bei »orange« und »beige« durchaus flektiert werden kann.

Das verstehe, wer will. Freuen wir uns einfach, dass Sprache lebt und sich entwickelt!

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (3/2022): Alles so schön bunt hier

Eine Leserin schlug mir kürzlich vor, doch mal über Farbbezeichnungen zu plaudern. Das mache ich sehr gern! Und wenn Sie sich jetzt auf Anhieb fragen, was an »gelb, grün, blau« so schwierig sein soll, warten Sie ab: Das Thema ist nicht ganz so profan, wie es scheint.

Ein rotes Hemd, eine gelbe Blume, ein grünes Buch: Dass man Adjektive kleinschreibt, ist klar und gilt natürlich auch für Farbbezeichnungen. Bei Formulierungen wie »dasselbe in Grün«, »ins Schwarze treffen« oder »der Himmel in Rosarot« steht die Farbbezeichnung für die Farbe an sich, also ein Substantiv: in [der Farbe] Grün. Entsprechend schreibt man groß.

Interessant wird es, wenn mehrere Farben zusammenkommen. Da lassen sich im Wesentlichen drei Fälle unterscheiden:

  • Sind die Farbbestandteile gleichrangig, setzt man in der Regel Bindestriche: die blau-gelbe Flagge, rot-weiß kariert
  • Sind die Farben gemischt oder gehen sie sonst wie ineinander über, entfällt auch der trennende Bindestrich: eine orangegelbe Lackierung, eine blauviolette Blüte
  • Getrennt schreibt man schließlich immer dann, wenn einer der beiden Bestandteile auf -lich endet: rötlich braune Haare, gelblich grüne Bonbons

Der Vollständigkeit halber: Im ersten und im zweiten Fall ist manchmal auch die jeweils andere Schreibung zulässig. Mein Job ist es aber, Ihnen klare Orientierung zu geben. Merken Sie sich einfach, dass ein Bindestrich zwischen den Farben wie eine Trennlinie anzeigt, dass sie separat bleiben. Nehmen Sie den Strich weg und schreiben zusammen, fließen sie ineinander. Wenn Sie diese Faustregel verinnerlichen, machen Sie nichts verkehrt.

 

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