»Zwei Minuten für die Sprache« (5/2022): Kausalitäten

Eins führt zum anderen: Kausale Zusammenhänge kann man auf viele Arten ausdrücken. Dabei kommen kausale Präpositionen zum Einsatz, und von denen gibt es viele; »aufgrund«, »durch« und »wegen« sind nur drei davon.

Wo die Auswahl groß ist, kommt man leicht durcheinander. So lese ich oft »durch«, wo es gar nicht korrekt ist. Zwei Beispiele aus den Nachrichten der vergangenen Monate:

Durch den relativ kleinen Heimmarkt werden finnische Unternehmen das Ausland als Absatzmarkt nutzen.
Durch die Pandemie haben viele von uns auf Flugreisen verzichtet.

Beide Sätze drücken aus, dass ein Sachverhalt/Ereignis zu etwas geführt hat. Allerdings ist »durch« nur richtig, wenn der Zusammenhang unmittelbar ist. Ein Beispiel: »Durch die Flut wurden viele Häuser stark beschädigt.«

In den beiden Sätzen oben bildet aber ein Sachverhalt bzw. ein Ereignis die Grundlage dafür, dass ein Verhalten geändert wird; der Zusammenhang ist also mittelbar. In diesen Fällen ist »aufgrund« die richtige Wahl, gefolgt von einem Ausdruck im Genitiv: »Aufgrund des relativ kleinen Heimmarkts …«, »Aufgrund der Pandemie …«.

Wenn der zeitliche Zusammenhang unerheblich ist, ist neben »aufgrund« auch »wegen« möglich, auf das ebenfalls ein Genitiv folgt: Man kann zum Beispiel jemanden wegen seiner durchgehend fundierten Äußerungen für kompetent halten. Je nach Kontext wäre »wegen« in der Aussage über die finnischen Unternehmen oben gegebenenfalls auch eine gute Wahl.

Der Vollständigkeit halber: Es gibt noch viele weitere kausale Präpositionen, zum Beispiel »infolge« oder »zufolge«, die wieder eigene Besonderheiten haben. Sie alle in einer Ausgabe zu erklären, würde aber den Rahmen der »Zwei Minuten« sprengen. Bei Gelegenheit komme ich darauf zurück.

 

Dies ist die Mai-Ausgabe 2022 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache« (4/2022): Und was ist mit »lila«?

Nach der letzten Ausgabe, in der es um Farben ging, fragten viele von Ihnen nach, warum ich gar nichts darüber geschrieben hätte, wie man »lila«, »rosa«, »orange« oder »beige« korrekt flektiert. Ganz einfach: Der Name »Zwei Minuten für die Sprache« ist Programm. Hier also nun die zweite Portion Buntes.

Ist »ein rosanes T-Shirt«, »eine lilane Jacke« oder »ein oranges Hemd« korrektes Deutsch? Auch wenn es Ihnen und mir nicht gefällt: Die Antwort ist ein beherztes Jein.

Früher gab es die klare Regel, dass diese Farbbezeichnungen, die auf Substantive aus anderen Sprachen zurückgehen, nicht flektiert werden. Weil aber weder »ein beige Mantel« noch »ein orange Hemd« oder »eine lila Hose« so richtig rund klingen will, bog sich der Sprachgebrauch einiges zurecht. Eine einheitliche neue Regel ist daraus bislang aber leider nicht hervorgegangen.

In der Schule habe ich noch gelernt, dass man sich in diesen Fällen mit Zusätzen behilft (»-farben« oder »-farbig«). Tatsächlich klingen »ein beigefarbener Mantel« und »eine lilafarbene Hose« besser, und diese Formen sind auch nach wie vor korrekt. Wenn Sie also unsicher sind, können Sie immer diesen Weg wählen.

In der Umgangssprache regen »eine rosane Brille«, »eine lilane Blume«, »ein oranger Mülleimer« und »ein beiger Hut« schon lange niemanden mehr auf. Wer schriftlich kommuniziert, sollte aber die Einschätzung der Duden-Redaktion zumindest kennen: Demnach bleiben »rosa« und »lila« tatsächlich immer unflektiert (bzw. werden bei Bedarf durch »-farben« oder »-farbig« ergänzt), während bei »orange« und »beige« durchaus flektiert werden kann.

Das verstehe, wer will. Freuen wir uns einfach, dass Sprache lebt und sich entwickelt!

 

Dies ist die April-Ausgabe 2022 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache« (3/2022): Alles so schön bunt hier

Eine Leserin schlug mir kürzlich vor, doch mal über Farbbezeichnungen zu plaudern. Das mache ich sehr gern! Und wenn Sie sich jetzt auf Anhieb fragen, was an »gelb, grün, blau« so schwierig sein soll, warten Sie ab: Das Thema ist nicht ganz so profan, wie es scheint.

Ein rotes Hemd, eine gelbe Blume, ein grünes Buch: Dass man Adjektive kleinschreibt, ist klar und gilt natürlich auch für Farbbezeichnungen. Bei Formulierungen wie »dasselbe in Grün«, »ins Schwarze treffen« oder »der Himmel in Rosarot« steht die Farbbezeichnung für die Farbe an sich, also ein Substantiv: in [der Farbe] Grün. Entsprechend schreibt man groß.

Interessant wird es, wenn mehrere Farben zusammenkommen. Da lassen sich im Wesentlichen drei Fälle unterscheiden:

  • Sind die Farbbestandteile gleichrangig, setzt man in der Regel Bindestriche: die blau-gelbe Flagge, rot-weiß kariert
  • Sind die Farben gemischt oder gehen sie sonst wie ineinander über, entfällt auch der trennende Bindestrich: eine orangegelbe Lackierung, eine blauviolette Blüte
  • Getrennt schreibt man schließlich immer dann, wenn einer der beiden Bestandteile auf -lich endet: rötlich braune Haare, gelblich grüne Bonbons

Der Vollständigkeit halber: Im ersten und im zweiten Fall ist manchmal auch die jeweils andere Schreibung zulässig. Mein Job ist es aber, Ihnen klare Orientierung zu geben. Merken Sie sich einfach, dass ein Bindestrich zwischen den Farben wie eine Trennlinie anzeigt, dass sie separat bleiben. Nehmen Sie den Strich weg und schreiben zusammen, fließen sie ineinander. Wenn Sie diese Faustregel verinnerlichen, machen Sie nichts verkehrt.

 

Dies ist die März-Ausgabe 2022 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache» (2/2022): Alles, was recht/Recht ist

Haben Sie gern Recht? Oder lieber recht? Vielleicht beruhigt es sie, dass ich bei Wendungen mit »recht« bzw. »Recht« auch oft innehalten muss. In welchen Kombinationen schreibt man groß, wann klein?

Die erste Einteilung liegt nahe: Hat man es mit einem Adjektiv oder Adverb zu tun, ist das r am Anfang klein, von der rechten Socke über den rechten Winkel bis zu »jetzt erst recht«. Auch wenn »recht« so etwas Ähnliches wie »richtig« oder »genehm« bedeutet, schreibt man klein (recht und billig, es geschieht ihm recht, das ist mir ganz recht).

Groß schreibt man alle Kombinationen, in denen es um das Recht im juristischen Sinn geht: bürgerliches Recht, mit Recht, Recht sprechen, im Recht sein, von Rechts wegen, zu Recht bestehen.

So weit scheint die Sache relativ eindeutig zu sein. Es gibt aber eine Reihe von Fällen, in denen beide Schreibungen zulässig sind: »recht/Recht daran tun«, »recht/Recht haben, behalten, bekommen« und »jemandem recht/Recht geben«. Eine Erklärung liefert der Duden nicht, empfiehlt aber jeweils die Kleinschreibung. Meine Interpretation ist, dass bei diesen Formulierungen in der Regel nicht das Recht im juristisch verbrieften Sinn gemeint ist. Alle diese Formulierungen sind aber durchaus auch in juristischen Kontexten vorstellbar, und in diesen Fällen würde man großschreiben. Ganz tragfest erscheint mir diese Interpretation aber nicht, sodass ich im Zweifel doch lieber einmal mehr nachschlage als einmal zu wenig.

Und dann gibt es noch »zurecht«, das heute gar nicht mehr als eigenständiges Wort vorkommt, sondern nur als Verbpartikel. Hier schreibt man nicht nur das in einem Wort und klein, sondern hängt das dazugehörige Verb auch gleich direkt an: zurechtweisen, zurechtbiegen, zurechtrücken usw.

Dies ist die Februar-Ausgabe 2022 der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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»Zwei Minuten für die Sprache« (1/2022): farbig vs. farblich

In einem Lektoratsdokument fand ich neulich die Angabe, dass in einer eingebundenen Tabelle bestimmte Daten farblich markiert seien. Mein Sprachgefühl protestierte umgehend und votierte für »farbig«, aber ich hätte nicht mit Sicherheit sagen können, dass und warum »farblich« in dieser Formulierung wirklich gar nicht geht. Also machte ich mich schlau, und davon dürfen auch Sie jetzt profitieren.

Beide Wörter sind Adjektive, also Eigenschaftswörter. Und beide beschreiben etwas, das mit Farbe zu tun hat. Der Unterschied liegt in der Art des Bezugs. So bedeutet »farbig«, dass eine Sache nicht schwarz oder weiß ist, sondern eine oder mehrere Farben hat (farbige Stifte, farbige Bilder). Im übertragenen Sinn kann man »farbig« auch für »lebhaft, anschaulich« nutzen (eine farbige Schilderung).

Dagegen nimmt »farblich« Bezug auf die Farben selbst, deren Auswahl oder Kombination. Bei einer farblich stimmigen Wohnungseinrichtung zum Beispiel passen die Farbtöne von Wänden, Böden, Möbeln und Dekoration so zusammen, dass ein harmonisches Gesamtbild entsteht.

Sehr eingängig finde ich den direkten Vergleich in einem Beispiel. Stellen Sie sich vor, Sie lesen ein Interview mit zwei Personen (A und B), in dem die Antworten von Person A jeweils in Rot und die von Person B in Grün gedruckt sind. Die Namen der Personen sind nur am Anfang genannt und der jeweiligen Farbe zugeordnet. Die Antworten sind also farbig gedruckt, was manchen Menschen sicher gut gefällt. Jemand, der die Idee eigentlich gut findet, aber aufgrund einer Rot-Grün-Sehschwäche mit einer anderen Farbkombination besser zurechtkäme, würde jedoch vermutlich die farbliche Darstellung des Interviews bemängeln.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (12/2021): zukünftig oder künftig?

Immer mal wieder werde ich gefragt, ob es einen Unterschied zwischen »zukünftig« und »künftig« gibt oder ob die zweite Variante nur eine verkürzte Form der ersten ist. Dazu etwas Konkretes zu finden, ist gar nicht mal so einfach.

Der Duden beschreibt die Bedeutung beider Formen mit »in Zukunft, von nun an« und liefert dazu die Beispielsätze »Ich bitte, dies zukünftig zu unterlassen.« und »Das soll künftig anders werden.«. Demnach wären »zukünftig« und »künftig« synonym.

Dann gibt es da aber noch Sprachgebrauch und Sprachgefühl, und vor allem Letzteres signalisiert mir durchaus einen kleinen Unterschied. Aus meiner Sicht lässt sich »künftig« eigentlich immer durch »zukünftig« ersetzen, umgekehrt gilt das aber nicht in jedem Fall. Bei »künftig« meldet mein Sprachradar einen klare(re)n Bezug zum jetzigen Zeitpunkt: Wenn etwas künftig anders ist, dann beginnt die Veränderung unmittelbar. Soll aber etwas zukünftig anders sein, ist es auch denkbar, dass die Neuerung zwar ab einem konkret benannten Zeitpunkt gilt; dieser Zeitpunkt kann aber auch in der nächsten Woche oder im nächsten Monat liegen.

Dieser feine Unterschied lässt sich so nicht im Duden belegen. Klickt man sich aber durch verschiedene Sprachforen, zeigt sich, dass viele Menschen, die sich mit Sprache beschäftigen, ihn ebenso benennen. Andere sehen die »zukünftig« und »künftig« als völlig gleichwertig an.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (11/2021): gemeinsam

In einer Event-Einladung las ich letzte Woche folgenden Satz:

Diskutieren Sie gemeinsam mit Experten über das Thema XY.

Dass man »Experten« mit dem Begriff »Fachleute« ganz ohne Verrenkungen genderneutral hätte formulieren können, lasse ich hier mal außen vor. Mir geht es um das Wörtchen »gemeinsam«. Fällt Ihnen daran etwas auf?

Es gibt Verben, in denen der Aspekt des Gemeinsamen schon drinsteckt, ganz ohne dass man ihn zusätzlich nennen muss. Dazu gehören zum Beispiel »besprechen«, »sich (mit jemandem) beraten« oder »kooperieren« bzw. »zusammenarbeiten«. Achten Sie mal drauf: So etwas wie »unsere gemeinsame Zusammenarbeit« kommt häufiger vor, als man denkt. Dabei sagt »unsere Zusammenarbeit« dasselbe aus. So ist es nicht nur sprachlich korrekt, sondern auch kürzer und klarer.

Auch in dem oben zitierten Satz ist »gemeinsam« nicht astrein. Die Tücke liegt aber woanders: An einer Diskussion sind ja idealerweise mehrere Personen beteiligt, die unterschiedliche Standpunkte vertreten. »Diskutieren Sie gemeinsam mit …« führt hier mindestens zu einer Unschärfe, denn »gemeinsam« drückt sprachlich aus, dass alle in dieselbe Richtung laufen bzw. denken. So kommt aber keine Diskussion zustande; es sei denn, man tritt gemeinsam mit den Experten gegen eine andere Gruppe an. Das war hier aber nicht der Fall.

Ob nun überflüssig oder sprachlich schief, das Ergebnis bleibt dasselbe: Schauen Sie bei »gemeinsam« lieber einmal mehr hin als einmal zu wenig.

 

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Zwei Minuten für die Sprache (10/2021): jahrelang vs. langjährig

In der Unternehmenskommunikation spricht man ja gern davon, dass man viel Erfahrung in einem bestimmten Bereich gesammelt hat, auf die man nun zum Wohle der Kundschaft zurückgreifen kann. Oft heißt es dann ungefähr so: »Wir verfügen über jahrelange Erfahrung.« Aber ist das eigentlich sprachlich korrekt?

Unter dem Stichwort »jahrelang« gibt der Duden die schlichte Erklärung »mehrere, viele Jahre lang«. Als Anwendungsbeispiele finden sich dort »jahrelange Unterdrückung« und „er hat sich jahrelang bemüht«.

Man kann zweifellos jahrelang Erfahrung sammeln, aber ist die Erfahrung selbst dann auch lang? Sie merken es selbst: Das knirscht. Das Adjektiv, das hier richtig ist, wirkt nur auf den ersten Blick ähnlich: »langjährig«. Der Duden erklärt es als »viele Jahre, sehr lange existierend, vorhanden, dauernd«. Während also »jahrelang« die Zeitspanne selbst in den Blick nimmt, beschreibt »langjährig« das, was in einer Zeitspanne passiert (ist), also das Ergebnis.

Umgangssprachlich mag die »jahrelange Erfahrung« hingehen; in der schriftlichen Kommunikation sollte es aber präzise sein. Wenn man jahrelang Erfahrung gesammelt hat, verfügt man über langjährige Erfahrung.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (9/2021): Prozentangaben und die Relation

Vor vielen Jahren gab es mal einen Werbespot für Knäckebrot, dessen Hauptaussage war, dass dieses Brot in jeder Scheibe 16 Prozent Ballaststoffe enthalte. Und in einem Artikel über umweltfreundliche Transporte las ich vor einiger Zeit, dass jede Tonne Fracht, die mit Güterzügen statt mit Lkw transportiert werde, 80 Prozent weniger Kohlendioxid-Ausstoß erzeuge.

Beide Aussagen sind nicht mal im engeren Sinne sprachlich falsch. Trotzdem lasse ich sie im Lektorat nicht so stehen. Denn sie lassen außer Acht, dass Prozentwerte relationale Angaben sind, also ein festes Verhältnis angeben, das sich für jede beliebige konkrete Menge berechnen lässt. Deshalb ist es nicht sinnvoll, bei einer konkreten Grundmenge (eine Scheibe Knäckebrot, eine Tonne Fracht) einen Prozentsatz anzugeben und diesen dann wieder mit »jede« zu verallgemeinern.

Denn der Prozentsatz bleibt immer gleich: Auch in zwei Scheiben des besagten Knäckebrots sind 16 Prozent Ballaststoffe, ebenso wie in der ganzen Packung und sogar in einer kompletten Palette.

Es gibt also immer zwei Möglichkeiten, solche Angaben sinnvoll unterzubringen. Entweder nehmen Sie die Prozentangabe als allgemeine Aussage (»Dieses Knäckebrot enthält 16 Prozent Ballaststoffe.«), dann können Sie zur Veranschaulichung immer noch ein Beispiel ergänzen, das diesen prozentualen Anteil konkret benennt, dann aber mit der entsprechenden Einheit (»Das sind pro Scheibe X Gramm.«). Oder Sie zäumen das Pferd andersherum auf und beginnen mit der Veranschaulichung: »Jede Scheibe dieses Knäckebrots enthält X Gramm Ballaststoffe. Das sind 16 Prozent.«

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (8/2021): Jahres- und andere Zahlen

Heute greife ich sehr gern mal wieder eine Anregung einer Leserin auf. Es geht darum, Jahres- und andere Zahlen in Texten sinnvoll unterzubringen. Als Beispiel dafür, wie es nicht so günstig ist, führte die Leserin eine Konstruktion wie diese an:

Fast 60 Jahre lang hatte XY geschwiegen, ehe sie sich 2005 Journalisten anvertraute.

Das Hirn ist ein Gewohnheitstier: Wenn auf eine Zahl etwas Zählbares folgt, nimmt es diese Verbindung dankbar an, noch bevor es merkt, dass die beiden Teile gar nicht zusammengehören. Gerade bei Jahreszahlen lohnt es sich deshalb besonders, auf die Satzstellung zu achten.

Manchmal reicht es schon, »im Jahr« (bitte nicht einfach nur »in«!) voranzustellen, um mehr Klarheit zu schaffen. Das wäre auch hier der Fall. Eine andere Variante ist, die falsche Verknüpfung zu verhindern, indem man etwas zwischen die beiden Teile stellt (hier zum Beispiel: »… ehe sie sich 2005 den beiden Journalisten anvertraute.«).

Unübersichtlich wird es auch, wenn in einem Satz mehrere Zahlenangaben direkt aufeinander folgen. Schauen Sie mal:

Für die Studie wurden im Jahr 2020 3500 Personen befragt.

Da nützt auch ein vorangestelltes »im Jahr« nichts. Solche Satzkonstruktionen entstehen eher selten direkt beim Schreiben, weil sich das Störgefühl dann sofort meldet. Sie kommen aber erstaunlich häufig in Texten vor, die mehrfach umgebaut wurden, denn da verliert man leichter mal den Überblick. Wie so oft rate ich auch hier dringend, etwas Abstand zu gewinnen: Umgebaute Texte am nächsten Tag noch einmal mit frischen Augen anzusehen oder von einer Kollegin oder einem Kollegen gegenlesen zu lassen, fördert oft erstaunlich Offensichtliches zutage.

 

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