Rubrik: Knapp daneben ist auch vorbei

Starker Tobak

Ich hab’s ja gestern schon angedeutet: Wenn ich einmal beim Thema Redewendungen bin, lässt mich das so schnell nicht wieder los. Gerade habe ich einen Screenshot wiedergefunden, den ich vor längerer Zeit gemacht habe:

 


Die Wendung »starker Tobak« bedeutet »Unverschämtheit«. Was ich bisher nicht wusste, ist, dass man auch von »starkem Tabak« reden kann; gebräuchlicher und deutlich idiomatischer ist aber in jedem Fall »Tobak«. Der Duden* führt diese Wendung auf einen alten Schwank zurück, in dem ein Jäger den Teufel an der Nase herumführt: Ersterer sieht das Gewehr des Jägers, weiß aber nicht, was es ist. Der Jäger erzählt ihm, es handele sich um eine Pfeife. Als der Teufel an dieser »Pfeife« zieht, drückt der Jäger ab. Die Schrotladung in seinem Kopf bezeichnet der Teufel daraufhin als »starken Tabak/Tobak«.

Ob man für die Wendung nun die Variante mit o oder die mit a bevorzugt – fest steht, dass es sich bei Tabak um eine feste Substanz handelt. Damit ist die Kombination mit »einschenken« im Text oben ein schiefes Bild (übrigens auch eine sehr interessante und unterhaltsame Kategorie der Sprachbetrachtung, zu der ich auch schon einiges gebloggt habe).

Der Duden sieht als Verb zum »starken Tobak« schlicht, ergreifend und ausschließlich »sein« vor: Etwas ist starker Tobak – fertig.

 

* Bd. 11: Redewendungen, Bibliograph. Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2002, S. 752

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Zahnweh, anders

Das hier fand ich am letzten Samstag in einer Hamburger Tageszeitung:

Vor ein paar Tagen habe ich ja schon über Schnäppchen und Schnippchen geschrieben und damit das weite Feld der Redewendungen betreten – für mich immer noch eins der faszinierenden Gebiete der Sprachwissenschaft. In meinem Anglistik-Studium habe ich mich einige Zeit mit englischen Sprichwörtern und Redewendungen beschäftigt; es gab tatsächlich einen Professor, dessen Fachgebiet das war.

Was Redewendungen auszeichnet, ist, dass sie weitgehend feststehen; man kann nicht einfach ein anderes Verb nehmen (Schnippchen etwa kann man nur schlagen, sonst gar nichts) oder ein Substantiv in den Plural setzen. Häufig ist es außerdem ja auch so, dass die Kombination der Wörter bei Betrachtung ohne die »idiomatische Brille« ziemlicher Unfug ist und nur mit der übertragenen Bedeutung – wenn man sie denn kennt – einen Sinn ergibt.

Ein solcher Fall ist »jemandem auf den Zahn fühlen«. Deutschen Muttersprachlern ist die Wendung bekannt: Sie bedeutet, dass man jemanden genau befragt, um etwas Bestimmtes herauszubekommen; oft, weil man vermutet, dass eine Aussage dieser Person nicht ganz ehrlich oder vollständig war. Das hat mit Zähnen gar nichts zu tun, wie sollte das auch gehen? Man kann ja nicht »auf etwas fühlen«. Aber in dieser – und nur in dieser – Kombination erschließt sich ein eigener, anderer Sinn.

Das heißt in diesem Fall: Man fühlt grundsätzlich auf den Zahn, auch dann, wenn man mehrere Leute ins Kreuzverhör nimmt.

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Hoch hinaus

Wenn man in einer Millionenstadt wie Hamburg wohnt, ist es eigentlich unnötig, Kleidung online zu bestellen. Fast alle Marken sind hier mit eigenen Geschäften vertreten, sodass man nicht noch dazu beitragen muss, dass alles in kleinen Portionen kreuz und quer durch die Republik geschickt wird. Eine Marke, die in meinem Kleiderschrank sehr stark vertreten ist, macht es aber ganz geschickt: Manche Sachen gibt es in den normalen Geschäften überhaupt nicht, sondern nur online.

Von deren Shop bekam ich kürzlich folgende Nachricht:

Tatsächlich scheint bei ihnen einiges los zu sein, denn offenbar hat sich niemand die Zeit genommen, diesen Text noch einmal gegenzulesen. Wäre das geschehen, hätte man wahrscheinlich gemerkt, dass eine Auftragslage nicht hoch sein kann. Es kann ein hohes Auftragsaufkommen geben, die Auftragseingangszahlen können hoch sein – oder in der Abteilung Auftragseingang geht es hoch her. Eine Lage (= Situation) kann entspannt oder angespannt sein, schwierig oder Ähnliches, aber nicht hoch.

Aber immerhin: Pluspunkt dafür, dass sie von sich aus Bescheid sagen.

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Schnäppchen und Schnippchen

Gestern war ich in einem der letzten verbliebenen Stadtteil-Kaufhäuser in Hamburg. Auf einer Sonderfläche im Erdgeschoss spielte eine Frau mit umgehängtem Mikrofon und weichgespülter Ich-bin-ein-Werbe-Vollprofi-und-lulle-euch-ein-Stimme die Verkaufsplatte ab:

»Liebe Kundinnen, lassen Sie sich das nicht entgehen: Auf alle Taschen, die Sie auf dieser Sonderfläche sehen, bekommen Sie heute sa-gen-haf-te 50 Prozent Rabatt. Nehmen Sie am besten gleich in jeder Farbe eine mit, so günstig werden Sie hochwertige Markenhandtaschen so schnell nicht wieder bekommen. Ist das nicht toll – hier können Sie heute jede Menge bares Geld sparen.«

Und so weiter und so fort. Im gesamten Haus war sie zu hören – so sollte das sicher auch sein.

Als ich gerade die Rolltreppe betrat, sagte sie Folgendes:

Hier können Sie heute ein echtes Schnäppchen schlagen!

Sehr verbreiteter Fehler. Schnäppchen kann man machen oder auch jagen, aber nicht schlagen. Was man schlägt, ist ein Schnippchen – das bedeutet im Deutschen, dass man auf geschickte Art und Weise um etwas herumkommt oder die Absichten einer anderen Person durchkreuzt. Die vollständige Wendung benötigt außerdem ein Dativobjekt: Man schlägt jemandem ein Schnippchen.

Das hat mit reduzierten Preisen nichts zu tun. Und damit wären wir wieder bei dem faszinierenden Phänomen, dass Leute die Begriffe und Wendungen aus ihrem eigenen Tätigkeitsfeld nicht beherrschen.

So schade.

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Anatomie in der Sprache

Kaum etwas wird in geschriebenen Texten so häufig versaubeutelt wie Redewendungen. Hier mal wieder ein schönes Beispiel:

Wenn jemand sich etwas zu Herzen nimmt, dann geht ihm das nahe, es berührt ihn – meist schmerzhaft und wenig angenehm, in jedem Fall aber persönlich. Ein Lektor, der sich die Doktorarbeit einer ihm fremden Person zu Herzen nimmt, hat aber definitiv den falschen Beruf gewählt.

Gemeint ist hier wohl, dass ein Lektor die Arbeit auf Herz und Nieren überprüfen soll. Da war es wieder, das Herz. So vielseitig einsetzbar! Andere Möglichkeiten wären »…, der sich diese Arbeit vornimmt« oder, um doch wieder in den anatomischen Bereich zu wechseln,  »…, der sich die Arbeit mal zur Brust nimmt«. Das wäre für so ein Jobvermittlungsportal dann allerdings doch ZU umgangssprachlich, denke ich.

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Für die Kleinen – mit größeren Mängeln

Der Präsentationsberater Peter Claus Lamprecht schickte mir kürzlich dieses Foto vom Tatort einer neuerlichen Sprachschlamperei.

Er war mit seiner Familie in einem Restaurant, das eine Speisekarte für Kinder vorhält. Diese Kinderkarte ist gleichzeitig als Malbuch gedacht – eine schöne Idee, finde ich, denn so sind die Kids auch gleich beschäftigt, bis das Essen kommt.

Schade nur, dass die Kinder, die schon lesen können, gleich was Falsches lernen. Zwei Fehler finden sich in diesem kurzen Hinweis:

Substantivierungen schreibt man groß, und gemalt wird immer noch ohne h.

(Darüber hinaus kann man sich noch streiten, ob das »Zum« in diesem Fall nicht besser kleingeschrieben sein sollte.)

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Na los, mach schon!

Neulich beim Einkaufen, nichts Böses ahnend, fand ich im Supermarkt den Werbeflyer eines Anbieters von Selbstverteidigungskursen. Darauf stand:

Selbstbehaupte Dich endlich!

Techniken der Selbstverteidigung zu erlernen, ist immer eine gute Sache und unbedingt empfehlenswert. Sprachlich aber ist das hier ein glatter K.-o.-Schlag.

Man kann sich (selbst) behaupten – die Ergänzung »selbst« ist dabei unnötig, wenn auch nicht falsch. Das Verb heißt einfach nur »behaupten«. Es ist in dieser Bedeutung reflexiv, braucht also das »sich«, das natürlich dem Satzzusammenhang entsprechend gebeugt wird. In der Anrede einer anderen Person wird es also zum »Dich«.

Nun kann man das Ganze mit einem »selbst« verstärken; dann aber muss sich dieses »selbst« auf die Person beziehen und nicht auf die Tätigkeit: sich selbst, mich selbst, Dich selbst usw.

Richtig wäre also:

Behaupte Dich endlich selbst!

So ist es sprachlich korrekt und obendrein viel anschaulicher und aussagekräftiger: Schließlich geht es doch darum, die Verteidigung in die eigenen Hände zu nehmen (und nicht darauf hoffen zu müssen, dass andere einem helfen).

Genau dasselbe gilt übrigens, wenn man statt »behaupten« das Verb »verteidigen« nimmt. Zusammen schreibt man nur bei den Substantiven: »Selbstbehauptung« und »Selbstverteidigung«.

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Abgekartetes Spiel

Die »Deichgrafikerin« Katja Frauenkron hat ja von ihren Reisen und Ausflügen schon häufiger mal wunderbares Sprachpingel-Blogfutter mitgebracht – nachzulesen zum Beispiel hier oder hier. Aber warum in die Ferne schweifen? Dieses Kleinod der Rechtschreib-Ignoranz fand sie letzten Sonntag zu Hause, als sie am Frühstückstisch die gesammelten Käseblätter aus der Elbmarsch durchsah.

 (zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Ob sich das Lokal auf oder neben einer Kartbahn befindet, ob der Autor eine besondere Vorliebe für solche Knatterkisten hat oder ob wir es einfach nur mal wieder mit einem Fall von »immer so, wie man’s spricht« zu tun haben, ist nicht überliefert.

Danke, Katja!

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Darf’s ein bisschen mehr sein?

Bei diesem Fundstück liegen gleich mehrere Dinge im Argen:

Punkt 1: Was bitte ist ländlicher Bauernstil? Gibt es auch städtischen Bauernstil? Das Wesen des Bauernstils – der eigentlich Landhausstil heißt, aber das nur nebenbei – liegt ja gerade darin, dass er dem Einrichtungsstil eines Bauernhauses nachempfunden ist, und die stehen üblicherweise auf dem Lande. Ein bisschen schicker als in den meisten echten Bauernhäusern ist der Landhausstil natürlich, aber sei’s drum.

Also: »ländlicher Bauernstil« ist so was wie ein »schwarzer Rappe«: im Sprachpingel-Deutsch heißt das Pleonasmus – in allgemein verständlicher Form Doppelmoppel.

Punkt 2: Ich schrieb es ja schon des Öfteren (zum Beispiel hier) – Anführungszeichen sind, außer in der wörtlichen Rede, nur in wenigen Fällen angebracht. Im Wesentlichen benutzt man sie, um einen Titel zu verdeutlichen (man kann einen Blick in den Spiegel werfen, aber auch in den »Spiegel«, also die Zeitschrift), oder aber, um eine Ironie oder ein Wortspiel zu kennzeichnen. Dann ersetzen die Anführungszeichen das Augenzwinkern oder die besondere Betonung, die man dem Begriff in der mündlichen Kommunikation geben würde. Sie signalisieren: Ich meine nicht ernst, was ich sage. Oder auch: Eigentlich beschreibt dieses Wort nicht genau das, was ich sagen will, aber mir fällt kein besseres ein.

Ich vermute, dass hier wohl beides nicht der Fall ist. Die Anführungszeichen sind nicht nur genauso überflüssig wie der Zusatz »ländlich«, sondern werfen auch noch ein schlechtes Licht auf das Haus. Jedenfalls für die Interessenten, die den Bauern- bzw. Landhausstil mögen.

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Kleiner Strich, große Wirkung

Diese Anmerkung fand ich kürzlich auf einer Internetseite, auf der Kleidung angeboten wurde:

(zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken)

Schon vorne fehlt ein Bindestrich (»B-Qualitäten«), aber um den geht es mir jetzt gar nicht.

So, mit dieser Schreibung, sagt der Satz: In der Kleidung werden hin und wieder Maschinen gefunden! Aber wer will schon eine Kaffemaschine am T-Shirt kleben haben? Oder gar eine Waschmaschine? Abgesehen davon, dass das den Tragekomfort vermutlich nicht gerade erhöht, sieht es auch nicht besonders gut aus. Gut, dass es die optische Prüfung gibt!

Spaß beiseite: Gemeint sind natürlich Maschinenfehler und Druckfehler. Weil aber diese Dopplung des Wortteils »-fehler« holprig klingt, lässt man ihn beim ersten Wort weg – das ist völlig legitim und absolut im Sinne der Lesefreundlichkeit. Diese gute Absicht macht man aber sofort zunichte, wenn man hinter »Maschinen« keinen Auslassungsstrich setzt. Der heißt so, weil er anzeigt, dass hier etwas ausgelassen wurde, was an späterer Stelle im Satz zu finden ist. Richtig ist also

… da Maschinen- oder Druckfehler gefunden wurden, die …

Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Striche nicht egal oder vernachlässigbar sind.

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