Rubrik: Allgemein

»Zwei Minuten für die Sprache« (10/2015): anvisieren, avisieren

Für die »Zwei Minuten« nehme ich immer gern Anregungen auf. Kürzlich bat mich eine Leserin, doch mal über den Unterschied zwischen »anvisieren« und »avisieren« zu schreiben, das könnten nach ihrer Beobachtung viele Menschen nicht richtig auseinanderhalten.

Mache ich doch gern!

Das Verb »anvisieren« bedeutet, dass man etwas wortwörtlich in den Fokus nimmt, zum Beispiel durch eine Kamera, oder dass man durchaus auch im militärischen Sinn auf etwas zielt. Als Ziel anpeilen kann man natürlich auch im übertragenen Sinn: zum Beispiel einen Urlaubsort, ein bestimmtes Geschäftsergebnis oder eine Zielgruppe. Auch in diesen Fällen ist »anvisieren« ein geeignetes Verb, vergleichbar mit »ins Auge fassen« oder »anstreben«.

Ganz anders verhält es sich mit »avisieren«: Es leitet sich von »Avis« ab, und das wiederum ist in der Kaufmannssprache eine (meist schriftliche) Nachricht oder Ankündigung. Man spricht das Wort übrigens mit Betonung auf der zweiten Silbe aus, das s am Ende kann hörbar sein oder nicht. Das dazugehörige Verb »avisieren« bedeutet dann auch »ankündigen«, »in Aussicht stellen«. Dazu noch ein Hinweis aus meiner Beobachtung: Ich lese und höre »avisieren« häufig in Verbindung mit »vorher« oder »vorab«. Das ist eine Dopplung, denn eine Ankündigung erfolgt immer im Voraus. Lassen Sie diesen Zusatz einfach weg.

 

Dies ist die Oktober-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


40 Ausgaben der »Zwei Minuten für die Sprache« sind auch im Buchhandel erhältlich.
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»Zwei Minuten für die Sprache« (09/2015): niemand und jemand

In meinem letzten Urlaub habe ich einen Roman gelesen, in dem dauernd von »jemand« und »niemand« die Rede war. Was mich dabei komplett irritierte: Niemals wurden diese beiden Begriffe dem Satzzusammenhang entsprechend gebeugt. Es hieß also zum Beispiel:

Er blickte um sich und sah im Hauseingang jemand stehen.
Dafür konnte man nun wirklich niemand die Schuld geben.

Nun bin ich bei Büchern, die ich privat lese, eigentlich gnädig, wenn ich Fehler entdecke. In diesem Fall aber rebellierte mein Sprachgefühl auf das Heftigste, wohl auch deshalb, weil diese Begriffe so häufig vorkamen. Da sie absolut konsequent endungslos blieben, schlug ich zu Hause mal nach. Und siehe da: Es gab was zu lernen!

Tatsächlich sind beide Formen zulässig, die gebeugte und die ungebeugte (fachsprachlich: mit oder ohne Flexionsendung). Das Korrektorat für den Roman hatte nichts falsch gemacht, mein Sprachgefühl hatte mich aber auch nicht getrogen. Es kann im ersten Beispiel von oben genauso »jemanden« und im zweiten »niemandem« heißen. In meinen Ohren klingt es damit auch viel runder und natürlicher, sodass ich dabei bleiben werde.

Der Vollständigkeit halber: Für den Akkusativ vermerkt der Duden, dass die flexionslose (also unveränderte) Form »oft vorgezogen« wird. Das beträfe das erste Beispiel oben. Dies entspricht aber so gar nicht meiner Erfahrung, weder im Schriftdeutsch noch in der Alltagssprache. Wo die Redaktion diese Bewertung hernimmt, bleibt ihr Geheimnis.

 

Dies ist die September-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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Und los geht die wilde Fahrt!

Na, so langsam füllt sie sich doch, meine kleine Raritäten-Sammlung mit richtig geschriebenen »Herzlich willkommen«-Schildern. Dieses Exemplar vom Hamburger Dom (für Auswärtige: das ist keine Kirche, sondern unser Jahrmarkt) hat der Designer Rainer Klute abgelichtet. Danke dafür!

willkommen_Dom

Der Vollständigkeit halber muss ich natürlich erwähnen, dass Franz-Josef Strauß sich korrekt mit ß am Ende schrieb, nicht mit ss. Aber darum geht es ja in dieser Reihe nicht.

Und ich selbst habe auch noch eins eingefangen, und zwar vor dem Bettenhaus Bürger in Hamburg-Eppendorf. Bitte schön:

Willkommen_Bürger

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Herzlich willkommen beim Deutschen Bundestag!

Ich muss ja sagen, es beruhigt mich, dass man wenigstens im/beim Bundestag noch auf korrekte Rechtschreibung achtet!

Bundestag_willkommen

Auch dieses Fundstück stammt vom Präsentationsberater Peter Claus Lamprecht, der in Eckernförde kürzlich eigentlich etwas anderes vorhatte, als den Promo-Truck des Deutschen Bundestages zu besuchen. Unverhofft kommt oft – aber es hat sich ja offenbar gelohnt. Vielen Dank!


(In dieser Rubrik trage ich Bilder von – sehr selten gewordenen – korrekt geschriebenen »Herzlich willkommen«-Grüßen zusammen. Dazu freue ich mich jederzeit über Unterstützung! Weitere Infos gibt es hier.)

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»Zwei Minuten für die Sprache« im August: Verschiedenes

Ich bin ja immer dafür, Texte kurz zu halten. Wenn man Überflüssiges weglässt, entsteht eine klarere Aussage. Aber was ist überflüssig? Die Leitfrage lautet: Verändert sich der Sinn, wenn man auf den fraglichen Teil verzichtet? Klassische Beispiele, in denen die Antwort Nein ist, sind »wie zum Beispiel« (denn »wie« und »zum Beispiel« sagen jeweils allein genau dasselbe aus) oder »eine Win-win-Situation für alle Beteiligten« (weg mit »für alle Beteiligten«!).

Heute habe ich einen Begriff herausgepickt, der oft, aber eben nicht immer überflüssig ist: Es geht um »verschiedene«. Mich juckt es immer in den Fingern, wenn ich so etwas lese wie »80 verschiedene Sorten« oder »15 verschiedene Tierarten«. Lassen Sie mal in beiden Beispielen das Wort »verschiedene« weg. Verändert sich der Sinn? Nein. Also raus damit!

In diesen Fällen steht »verschieden« bei Begriffen, die schon eine Unterscheidung innerhalb einer größeren Menge von Dingen vornehmen. Anders gesagt: »Sorten«, »Arten« und ähnliche Begriffe sind bereits Gruppierungen. Alles, was in eine solche Gruppierung hineingehört, ist gegenüber allem anderen verschieden, sodass es eine Dopplung ist, das noch zusätzlich zu erwähnen.

In anderen Fällen aber verändert »verschiedene« durchaus den Sinn. Wenn zum Beispiel ein Baumarkt schreibt, er habe 30 Schrauben am Lager, könnte man vermuten, dass im Einkauf jemand geschlafen hat. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Baumarkt 30 verschiedene Schrauben am Lager hat, und von diesen 30 Sorten dann jeweils Tausende.

 

Dies ist die August-Ausgabe der »Zwei Minuten für die Sprache«, die ich einmal pro Monat per Mail verschicke (Anmeldung). 


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Responsive Design für den Pingel!

Die eine oder der andere hat es vielleicht schon bemerkt: Anfang Juli haben dieses Blog und auch meine Website ein Responsive Design bekommen. Am Desktop-Bildschirm sehen beide (bis auf Kleinigkeiten) genauso aus wie sonst – aber es ist jetzt deutlich komfortabler, sie mobil aufzurufen.

iPad_2        iPhone

Wer sich also künftig zum Beispiel eine Bahnfahrt mit nützlichen Sprachtipps vertreiben möchte, muss nicht mehr viel vergrößern und rumschieben, sondern nur noch scrollen.

Vollbracht hat all das die großartige Marion Lustig, die meine Seiten schon lange betreut und vor einigen Jahren auch diesem Blog zu neuem Glanz verhalf. Neben Web-Design bietet sie Grafik-Design inkl. Logo-Entwicklung an, gestaltet Geschäftsausstattungen und ist eine Meisterin darin, aus langweiligen, überladenen PowerPoint-Folien ansprechende, aufgeräumte und informative Vortragsunterstützungen zu machen.

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Ein Bild – nur für mich gemacht!

Letzte Woche bekam ich ein Geschenk, und zwar ein ganz besonderes, das jetzt mein Büro ziert und mir jeden Tag ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Die Deichgrafikerin Katja Frauenkron, mit der ich schon seit vielen Jahren gut befreundet bin, zusammenarbeite und eine große Xing-Gruppe moderiere, überreichte mir dieses Bild:

Bild_Pingel

Ein Bild für den zweiten und dritten Blick, denn während der – natürlich bewusst! – falsch platzierte Apostroph den meisten Betrachtern recht schnell auffällt, überliest man das zweite H in »SCHOHN« erstaunlich leicht. Interessant, was das menschliche Hirn so alles passend macht!

Es handelt sich um Leinwand, die auf einen Keilrahmen gezogen ist (20 x 20 cm). Die Farbe ist tatsächlich grüner, als es hier auf dem Foto rauskommt: ein wunderschönes Türkis. Liebe Katja, vielen Dank!

Weitere Links: Deichgrafikerin, The flap of a seagull’s wing

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»Zwei Minuten für die Sprache« im Juli: hoch hinaus

Wenn das kleine Wörtchen »hoch« mit Verben oder Partizipien zusammentrifft, muss ich immer scharf überlegen: Wie waren da noch mal die Regeln? Aus irgendeinem Grund kann ich mir die schlecht merken. Dabei sind sie gar nicht so schwierig.

Fall 1: »hoch« als nähere Beschreibung des Verbs

Beschreibt »hoch« den Ort oder die Art einer Tätigkeit näher, schreibt man getrennt: hoch (in großer Höhe) fliegen, hoch verzinsen.

Fall 2: »hoch« als Verbzusatz

In dieser Kategorie ist »hoch« entweder eine Richtungsangabe (an einer Fassade hochklettern, den Kragen hochschlagen) oder führt in Zusammensetzung mit dem Verb zu einer ganz neuen Bedeutung, die sich aus den separaten Einzelbegriffen so nicht ergibt (hochrechnen, hochkochen). Das Ergebnis ist, wie Sie sehen, das gleiche: Man schreibt zusammen.

Fall 3: »hoch« mit Partizip

Ist jemand hoch motiviert oder hochmotiviert, hoch qualifiziert oder hochqualifiziert, hoch aufgeschossen oder hochaufgeschossen? In diesen Fällen empfiehlt Duden die Getrenntschreibung, es ist aber jeweils beides richtig.

Ausschließlich zusammen schreibt man, wenn das Verb schon in der Grundform zusammengeschrieben wird (siehe Fall 2; hochgeklettert, hochgeschlagen) oder wenn »hoch« nur dazu da ist, die Ausdruckskraft des Partizips zu verstärken: hocherfreut, hochbeglückt.

 

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Wolle Rose gucke?

Der Präsentationsberater Peter Claus Lamprecht war mal wieder unterwegs und hat ein weiteres korrekt geschriebenes »Herzlich willkommen«-Schild mit der Kamera eingefangen. Es stammt aus dem Rosarium in Uetersen (bei Hamburg). Vielen Dank dafür!

Rosarium 1

Ich war selbst schon mal dort, es ist wirklich wunderschön und für Blumen- und Gartenfreunde sehr empfehlenswert.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es dort mindestens ein weiteres Schild gibt, das es aus Gründen nicht in diese Rubrik geschafft hat. Aber immerhin!

Mehr Schilder aus dieser Reihe gibt es in dieser Rubrik. Und hier habe ich beschrieben, dass und wie Mitmachen erwünscht ist.

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»Zwei Minuten für die Sprache« im Juni: Darstellende Kunst

In manchen Informationstexten kommt das Verb »darstellen« in seiner ganzen Sperrigkeit mindestens in jedem zweiten Absatz vor. Dabei ist es in den meisten Fällen, in denen es gebraucht wird, nicht nur unnötig kompliziert. Es geht auch am Kern der Sache vorbei. Zwei Beispiele:

Dossiers stellen eine Wissenssammlung zu einem Thema dar.
Der demografische Wandel stellt eine besondere Herausforderung dar.

Was genau bedeutet »darstellen«? Das Duden-Universalwörterbuch* liefert eine Fülle von Bedeutungen, darunter »in einem Bild (…) wiedergeben«, »in einer Bühnenrolle verkörpern«, »in Worten deutlich machen, ein Bild von etw. entwerfen« oder »die Bedeutung, den Wert (…) einer Sache haben«. All diese Bedeutungen sind weitaus umfassender als das, was in den beiden Beispielen und unzähligen anderen Fällen gemeint ist.

Sehr oft fungiert »darstellen« nämlich nur als aufgeblähte, behördische Form von »sein«. Vielleicht soll es die Aussage wichtiger klingen lassen, der Effekt ist aber das Gegenteil. Gerade in Texten der Unternehmenskommunikation gilt: Je einfacher Sie schreiben, desto klarer ist die Aussage und desto direkter der Weg zum Leser/Kunden. Schreiben Sie also:

Dossiers sind Wissenssammlungen zu einem Thema.
Der demografische Wandel ist eine besondere Herausforderung.

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* Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM].

 

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