»Zwei Minuten für die Sprache« (08/2016): Bezüge

Die Position der einzelnen Teile eines Satzes bestimmt man als Muttersprachler meist intuitiv. Und selbst wenn etwas mal nicht ganz am richtigen Platz sitzt, ist doch meist klar, was gemeint ist. Das mag im privaten Kontext akzeptabel sein, in der Unternehmenskommunikation und bei sonstigen Texten mit Informationscharakter aber kommt es auf präzise und eindeutige Formulierungen an. Wenn Bezüge nicht stimmen, geht die Eindeutigkeit verloren. Und das passiert öfter, als man denkt.

Sehr oft lese und höre ich, auch in den Medien, Formulierungen wie diese:

Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehen Experten davon aus, dass …

In 100 % dieser Fälle ist gemeint, dass die Vermutung der Experten sehr wahrscheinlich zutrifft. In dieser Satzstellung bezieht sich »mit hoher Wahrscheinlichkeit« aber sprachlich auf »gehen … davon aus«; die Aussage ist also, dass die Experten wahrscheinlich davon ausgehen (vielleicht vermuten sie aber auch etwas anderes). Richtig ist also: »Experten gehen davon aus, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit …«

Noch ein Beispiel:

Ich freue mich morgen auf das Treffen in der Handelskammer.

Sie merken es schon, oder? Das Treffen findet morgen statt, und der Schreiber freut sich darauf. Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass er das heute schon tut. Der Satz sagt aber aus, dass er sich erst morgen freut (wann das Treffen stattfindet, überliefert er bei genauer Betrachtung nicht). Das »morgen« gehört ans Satzende.

Falsche Bezüge können im besten Fall für Erheiterung sorgen, im schlechteren Fall führen sie zu Missverständnissen. Beides ist in der Unternehmenskommunikation ungünstig.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (07/2016): Beispiele

Beispiele bereichern einen Text, machen ihn anschaulich und sorgen so dafür, dass der Inhalt leichter zu erfassen ist. Bei der Einbindung von Beispielen lese ich aber häufig unnötig komplizierte Konstruktionen, die dann wiederum den Text unnötig auswalzen. Es ist Zeit, ein wenig aufzuräumen!

Sehr verbreitet ist die Wendung »wie zum Beispiel«.

Soziale Medien wie zum Beispiel Twitter gehören heute zur Unternehmenskommunikation.

Diese Wendung ist bei genauerer Betrachtung inhaltlich gedoppelt, denn »wie« und »zum Beispiel« erfüllen jeweils allein schon denselben Zweck:

Soziale Medien wie Twitter gehören heute zur Unternehmenskommunikation.
Soziale Medien, zum Beispiel Twitter, gehören heute zur Unternehmenskommunikation.

Dabei ist zu beachten, dass die Konstruktion mit »zum Beispiel« in Kommas eingeschlossen ist, während die kürzere Variante mit »wie« ohne auskommt.

Und noch etwas: Wenn Sie mehrere Beispiele aufzählen und diese Aufzählung einleiten, indem Sie ein »zum Beispiel« voranstellen, brauchen Sie am Schluss kein »usw.« oder »etc.« mehr. Das wäre ebenfalls eine Dopplung, denn sowohl »zum Beispiel« als auch »usw.« oder »etc.« zeigen an, dass die Aufzählung nicht erschöpfend ist. Auch hier haben Sie also ein Entweder-oder.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (06/2016): Bedarf und Nachfrage

Oft ist in den Nachrichten von Bedarf die Rede. Da geht es darum, dass es zu wenige Wohnungen gibt, dass Menschen mehr Vitamine brauchen oder dass in Deutschland oder woanders irgendetwas knapp ist.

Verstärkt stelle ich dabei in der letzten Zeit einen Fehler fest, der mir so vorher kaum untergekommen ist: Selbst in den großen Nachrichtensendungen ist von einem Bedarf nach etwas die Rede. Bedarf besteht aber grundsätzlich und ausschließlich an etwas (Bedarf an Wohnungen, Bedarf an Vitamin C).

Die Kombination von »Bedarf« mit »nach« gibt es nur in umgekehrter Reihenfolge und mit anderer Bedeutung: Man kann eine Suppe nach Bedarf salzen oder sich nach Bedarf mit Büchern für den Urlaub eindecken.

Vielleicht kommt es daher, dass so viele von einem »Bedarf nach etwas« sprechen; auch wenn es nicht erklärt, warum dieser Fehler in letzter Zeit verstärkt auftritt. Letzteres könnte auch am allgemein weniger sorgsamen Umgang der Medien mit der Sprache liegen.

Eine andere Idee: Der Fehler stammt aus einer inhaltlichen Vermengung mit »Nachfrage«, denn die kombiniert man korrekt mit »nach«.

Noch mehr Theorien? Ich bin gespannt auf Kommentare!

 

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Ja, wo laufen sie denn hin?

In letzter Zeit greift nach meiner Beobachtung eine Sprachschlamperei verstärkt um sich. Beinahe jeden Tag kommt mir mindestens ein Beispiel der folgenden Sorte unter:

Die Touristen in Hamburg nehmen zu.
(so gehört im NDR)

Das Gastronomieangebot meiner Heimatstadt ist durchaus reichhaltig und gut, also ist es durchaus denkbar, dass die Touristen nach ihrem Aufenthalt ein bis zwei Kilo mehr auf die Waage bringen. Genau das ist die Aussage des Satzes; gemeint war aber etwas anderes.

Noch ein Beispiel?

Anstieg von Bettlern (Mopo 16-05-07) 1

Anstieg von Bettlern (Mopo 16-05-07) 2

(Hamburger Morgenpost, 07.05.2016)

Der höchste Berg in Hamburg ist 80 Meter hoch, von einem massiven Anstieg kann man da nicht gerade reden. Und was sollten die Bettler auch auf dem Süllberg?

Und weiter geht’s:

Bildschirmfoto 2016-05-31 um 10.36.36

(Tweet der ZEIT, 31.05.2016)

Wohin die Arbeitslosen wohl zurückgehen? Weiß man denn, wo sie mal hergekommen sind?

 

Ich könnte diese Liste noch beliebig lange fortsetzen. Aber Spaß beiseite – was in all diesen Fällen ansteigt, ist die Zahl: Die Zahl der Touristen in Hamburg nimmt zu; die Zahl der Bettler steigt massiv an, die Arbeitslosenzahl ging stärker zurück als erwartet.

Wer das nicht dazuschreibt, produziert schiefe Bilder.

Dass selbst Leute, die mit dem geschriebenen Wort ihr Geld verdienen, das immer öfter nicht hinbekommen, finde ich … na ja, sagen wir mal: bemerkenswert.

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Interview mit einem Pingel

Über Twitter lernt man tolle Leute kennen: Gitte Härter zum Beispiel. Ich lese schon lange ihre Beiträge, freue mich über ihre Zeichnungen, und immer mal wieder gibt es einen kurzen Austausch bei Twitter. Gitte war es auch, die mich auf den wunderbaren Schreibtischaufsatz aufmerksam machte, den ich gar nicht mehr aus meinem Büro wegdenken möchte.

Jetzt hat sie mich für ihr Schreibnudel-Blog mit Fragen bombardiert: über den Namen »Sprachpingel«, über Sprache im Allgemeinen und die Lektoratsarbeit im Besonderen. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen dieses Interviews!

bleistiftimkopf

© Gitte Härter, himbeerwerft.de

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»Zwei Minuten für die Sprache« (5/2016): liegen lassen/gelassen?

Heute fange ich mal wieder mit einer Frage an. Sagen Sie mal ganz spontan, welche der folgenden Aussagen korrekt formuliert ist:

Er hat seine Brille im Auto liegen lassen.
Er hat seine Brille im Auto liegen gelassen.

Wenn Sie unsicher sind, befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Man benutzt diese Wendungen aus einem Verb im Infinitiv und »lassen« (stehen lassen, laufen lassen, fallen lassen etc.) so oft und fragt sich das trotzdem jedes Mal wieder. Wie also ist es richtig?

Beide Möglichkeiten stehen im Duden (Band 9, »Richtiges und gutes Deutsch«); überwiegend nutzt man in der Standardsprache aber die erste Variante. Diese empfiehlt die Redaktion dann auch. Beispiele:

Ich habe Essen für dich in der Küche stehen lassen.
Sie haben da etwas fallen lassen, soll ich es aufheben?

Vor allem dann, wenn die Kombination mit »lassen« eine übertragene Bedeutung hat, ist aber auch das Partizip II (»gelassen«) verbreitet und korrekt:

Sie hat den Plan fallen lassen/gelassen.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (4/2016): gelten und gehören

Manche Konstruktionen schreiben sich leicht dahin und lesen sich ganz unkompliziert, bis die Lektorin kommt und unbequeme Fragen stellt. Besonders verdächtig sind Sätze mit »gilt als …« oder »gehört/zählt zu …«.

Beispiel? Beispiel:

Die Firma ABC gilt als umsatzstärkster Hersteller von XY.

Wie jetzt? Ist das Unternehmen der umsatzstärkste Hersteller oder nicht? Umsatz lässt sich messen, also gibt es auch Ergebnisse, die man in eine Reihenfolge bringen kann. Wenn aber die Firma nur als besonders umsatzstark gilt, ist die implizite (und in der Regel nicht beabsichtigte) Aussage, dass sie es tatsächlich eben gerade nicht ist.

In einem TV-Bericht hörte ich neulich folgenden Satz:

Iris Berben gehört zu einer der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen.

Hier ist der Fehler etwas anders gelagert, denn es werden zwei Dinge vermischt. Iris Berben gehört zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen, anders gesagt: Sie ist eine der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen. Die Kombination »Sie gehört zu einer der …« ergibt inhaltlich überhaupt keinen Sinn.

Alles logisch, oder? Trotzdem kommen solche Fehler und Ungenauigkeiten mittlerweile so oft vor, dass man sie kaum mehr als solche wahrnimmt, weder beim Schreiben noch beim Lesen.

 

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»Zwei Minuten für die Sprache« (3/2016): Zahlen

Die Welt ist voller Zahlen, für die es unterschiedlichste Schreibkonventionen gibt. Orientierung gibt unter anderem der Duden, wobei manche Empfehlungen in krassem Widerspruch zur Lesefreundlichkeit stehen. Mir käme zum Beispiel nie in den Sinn, eine 8-stellige Telefonnummer als Zahlenkolonne ohne gruppierende Zwischenräume zu schreiben.

Aber das nur nebenbei. Diese Woche fragte mich ein Kooperationspartner, wie man denn generell Zahlen schreibt, die aus mehr als drei Ziffern bestehen: in einem durch (12345 km), mit Zwischenräumen (12 345 km) oder mit Trennpunkten (12.345 km)? Und behandelt man vierstellige Zahlen anders als fünf- und höherstellige?

Der gelbe Rechtschreibduden vermerkt, dass solche Zahlen von rechts nach links durch Zwischenräume in Dreiergruppen gegliedert werden können. Von Punkten sagt er gar nichts, anders als der »grüne Duden« (Band 9, »Richtiges und gutes Deutsch«): Punkte seien auch möglich, und zwar insbesondere bei Geldbeträgen, heißt es dort. Von einer Unterscheidung zwischen vier- und höherstelligen Zahlen ist weder im einen noch im anderen Band die Rede.

Mir persönlich ist die Trennung mit Punkten sympathischer als die mit Zwischenräumen, aber das ist Geschmackssache. Wenn Sie lieber mit Zwischenräumen arbeiten, achten Sie in Word darauf, geschützte Leerschritte zu setzen (PC: Strg+Shift+Leertaste; Mac: Alt+Leertaste), damit die Zahlen nicht versehentlich durch einen Zeilenumbruch in zwei Teile gerissen werden.

Hinweis: Es gibt noch viele weitere Schreibkonventionen für jeweils ganz bestimmte Arten von Zahlen und Ziffern. Fragen dazu beantworte ich gern.

 

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Was kostet das?

Preisanfragen bekommt man als freie Lektorin häufig. Und sicher nicht nur mir fällt auf, dass oft ganz wesentliche Informationen fehlen, um in eine wenigstens ansatzweise vernünftige Kalkulation einzusteigen. Viele der Anfragenden haben offenbar keine klare Vorstellung davon (oder keine Zeit, sich eine zu machen), wie sich Lektorats- oder Korrektoratspreise zusammensetzen. Aber das kann man ja ändern!

Meist sehen solche Mails ungefähr so aus:

Wir haben hier Texte für ein Kundenmagazin, die wir gern korrigieren lassen würden (Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik, Stil etc.). Das sind 82 Seiten in Word. Wir könnten Ihnen die Datei am Freitagnachmittag schicken und hätten sie gern bis Montag um 10 Uhr zurück. Was kostet das?

 

Auf so eine Anfrage kann ich eigentlich keine andere direkte Antwort geben als die, dass ich nach Aufwand zum Stundensatz abrechne. Das wiederum reicht den wenigsten Anfragenden als Information – verständlich. Um konkretere Aussagen machen zu können, muss ich nachfragen und um mehr Informationen bitten, was Auftraggeber, die es ohnehin schon eilig haben, zusätzlich in Zeitnot bringt.

Im Idealfall liegt der Anfrage direkt der zu bearbeitende Text als Kalkulationsgrundlage bei. Aber auch wenn der noch in Arbeit ist, können Anfragende mit wenigen Vorbereitungen und Informationen den Weg zu einer qualifizierten und verlässlichen Kostenschätzung abkürzen.

Worum geht es überhaupt?

Auch Lektoren sind Menschen, und das heißt: Wir haben bestimmte  Spezialgebiete und (Ab-)Neigungen. Es ist durchaus sinnvoll, jemanden zu beauftragen, der mit dem Thema und der Textsorte etwas anfangen kann. Will sagen: Auch für das Lektorat ist es ein Unterschied, ob es in einem Text um Psychologie oder um Maschinenbau geht, ob es sich um eine wissenschaftliche Abhandlung oder eine Imagebroschüre handelt.

Tipp: Nennen Sie in der Anfrage bereits das Thema und ggf. die Zielgruppe des zu bearbeitenden Texts. Damit tun Sie nicht nur der Lektorin einen Gefallen, sondern auch sich selbst: Sie müssen keine – oder zumindest deutlich weniger – Rückfragen beantworten und keine Rückzieher von Anbietenden befürchten, die später merken, dass sie mit der Materie gar nicht zurechtkommen.

Lektorat oder Korrektorat?

Auch wenn viele die beiden Begriffe in einen Topf werfen: Diese zwei Tätigkeiten unterscheiden sich deutlich. Ein Korrektorat beschränkt sich darauf, Rechtschreibungs- und Zeichensetzungsfehler zu korrigieren. Bestenfalls werden schiefe Ausdrücke, stilistische oder inhaltliche Unstimmigkeiten angemerkt – hier allerdings Vorschläge für bessere Formulierungen zu machen, gehört bereits zum Lektorat, das dann auch mehr Zeitaufwand bedeutet und somit anders kalkuliert werden muss.

Was der fiktive Mitarbeiter aus dem obigen Beispiel anfragt, ist also tatsächlich eher ein Lektorat als ein Korrektorat. Netterweise beschreibt er ja, was er sich so wünscht – so merken die Vertragspartner zumindest nicht erst nach der Auftragsdurchführung, dass sie von verschiedenen Voraussetzungen ausgegangen sind.

Tipp: Machen Sie sich den Unterschied zwischen Korrektorat und Lektorat bewusst und formulieren Sie in der Anfrage klar, welche Art der Bearbeitung Sie sich wünschen.

Seitenzahl: Schall und Rauch

Die Anzahl der Seiten hat für unsereinen einen eher bescheidenen Informationsgehalt. Auf keinen Fall ist sie etwas, was wir für eine halbwegs belastbare Kalkulation verwerten können. Was ist schon eine Seite? Je nach Schriftart, Schriftgröße, Seitenrändern und Zeilenabständen kann man sehr viel, aber auch sehr wenig Text auf einem DIN-A4-Blatt unterbringen – mit entsprechenden Auswirkungen auf den Arbeitsaufwand pro Seite.

Tipp: Was für Lektoren viel greifbarer ist, ist die Zeichenzahl inkl. Leerzeichen. Die lässt sich in Word unter »Extras« sehr schnell bestimmen. Wenn der Text noch nicht fertig ist, einfach hochrechnen und in der Anfrage vermerken, dass es sich um eine ungefähre Angabe handelt.

Eine Seite ist nicht gleich eine Seite (Blindtext erstellt mit blindtextgenerator.de).

Qualität des Ausgangstexts

Selbst wenn man weiß, wie viele Zeichen der Auftrag (voraussichtlich) umfasst, kann die Kalkulation noch ein ziemlich wackeliges Konstrukt sein. Je nachdem, wie viel an einem Text zu feilen ist, können 1.000 Zeichen in 10 Minuten bearbeitet sein – oder man sitzt eine Stunde daran. Deshalb hilft es für die Kalkulation auch nicht, die letzte, bereits gedruckte Ausgabe der fraglichen Veröffentlichung mitzuschicken: Die hat ja bereits eine Korrekturstufe durchlaufen und gibt somit keinen Aufschluss über den sprachlichen Zustand des Rohmaterials.

Natürlich können die meisten von uns auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Wenn aber ein Festpreis gewünscht ist, wird ein betriebswirtschaftlich kalkulierender Lektor das Angebot zur Sicherheit eher höher ansetzen als zu niedrig. Es sei denn, der Anfragende beachtet folgenden …

Tipp: Wenn es irgend geht, schicken Sie die aktuelle Version des fraglichen Dokuments mit, ggf. mit Hinweis, dass es sich noch nicht um die Endfassung fürs Lektorat handelt. Sollte das noch nicht möglich sein, sind Probeseiten (mindestens 3, höchstens 10) ungemein nützlich: Sie sollten repräsentativ für die Qualität des Gesamttexts sein, beziehen Sie also ruhig auch Ausschnitte aus den Teilen ein, die Sie selbst für weniger gelungen halten.

Zeitrahmen

Klar bin ich selbstständig – ich arbeite selbst und ständig! Dieser Spruch hält sich in manchen Köpfen immer noch hartnäckig: Freiberufler kann man arbeiten lassen, während man selbst das Wochenende genießt, schließlich freuen die sich ja über jedes bisschen Arbeit, das sie kriegen können. In manchen Fällen mag das stimmen, aber längst nicht jeder Freiberufler arbeitet ganz selbstverständlich auch an Wochenenden oder über Nacht (und viele, die dazu bereit sind, verlangen mit Fug und Recht Aufschläge dafür, dass sie ihre privaten Pläne über den Haufen werfen).

Tipp: Wenn es gar nicht anders geht als mit Sonderschichten, stellen Sie sich auf Preisaufschläge ein. Wenn Sie das vermeiden wollen, planen Sie die Zeit für ein Lektorat von Anfang an in die Produktion ein und fragen Sie rechtzeitig an, sodass Wochenend- oder Nachtschichten für das Lektorat gar nicht erst zur Diskussion stehen.

Fazit

Die beste Kalkulation ist immer die, die auf Basis des tatsächlich zu bearbeitenden Texts erfolgt. Ist das nicht möglich, können Sie selbst eine Menge dazu beitragen, dass Sie zügig verlässliche Angebote bzw. Kostenvoranschläge erhalten – und dass diese, falls Sie mehrere Lektorinnen und Lektoren anfragen, auch einfach zu vergleichen sind.

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»Zwei Minuten für die Sprache« (2/2016): inklusive

»Wilder Westen inklusive« hieß ein Fernseh-Mehrteiler in den 80er-Jahren, der mir kürzlich mal wieder unterkam. Und das brachte mich drauf, dass »inklusive« auch so ein Wort ist, das ich häufig aus grammatisch falschen Konstruktionen befreie. Es ruft also geradezu nach einer Erklärung. Dann mal los:

Grundsätzlich folgt, genau wie auf die deutsche Entsprechung »einschließlich«, auf »inklusive« ein Genitiv:

inklusive der Verpackung
inklusive eines Begrüßungsgetränks

Es gibt aber auch Fälle, in denen das, was irgendwo inbegriffen ist, allein steht, also ganz ohne Artikel oder sonstige zusätzliche Wörter. In diesen Konstruktionen lässt man das Hauptwort einfach, wie es ist:

inklusive Verpackung
inklusive Begrüßungsgetränk

Wenn ein solcher Ausdruck aber nicht nur allein steht, sondern auch noch im Plural, ist der Genitiv manchmal nur schlecht erkennbar, und das wiederum macht es schwieriger, den Text zu lesen. Wenn das so ist, darf man auch den Dativ wählen:

inklusive Getränken (Genitiv: inklusive Getränke)

Last, not least: Wenn »inklusive« nachgestellt ist, bleibt der Ausdruck davon völlig unberührt und steht im Nominativ:

Getränke inklusive

 

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